Zwischen Zweifeln, Schlankheitswahn und Wut

Im ausverkauften Studio des ETA Hoffmann Theaters zeigte das Mainfrankentheater Würzburg Sibylle Bergs „Und jetzt: Die Welt!“ in der Regie von Catja Baumann. Es ist ein liebevolles, aber knallhartes Porträt einer jungen Frau in ihren Zwanzigern. Eine Kritik von Milena Behr. Fotos: Nic Schölzel

Eine Kritik von Milena Behr

„Fickt euch ins Knie und gute Nacht!“ Gleich zu Beginn ist der Ton rau und aggressiv, denn die Protagonistin ist wütend. Auf alle anderen, die Welt da draußen und das eigene Dazugehören wollen. Gespielt von Anouk Elias, Jojo Rösler und Sina Dresp, bleibt das aber nicht ihr einziges Gefühl heute Abend, denn der „Text für eine Person und mehrere Stimmen“ lässt viele vermeintlich widersprüchliche Emotionen gleichzeitig zu.

Die namenlose Protagonistin, eine Frau in ihren Zwanzigern, politisch korrekt und mit guten Zähnen, lebt mit ihrer Halbschwester Gemma und ihrer besten Freundin Minna in einer WG. Früher bekämpften die drei das Patriarchat, indem sie Jungs auf offener Straße verprügelten. Jetzt sind sie friedlicher geworden und versuchen es mit Yoga: „Shanti, shanti, shanti, spüre die Ruhe – halt die Fresse!“. Immer wieder kocht die Wut gegen das Achtsamkeitsgedöns und den Optiminierungswahn hoch und doch ist in dieser WG vieles so, wie es von der Gesellschaft in einer modernen Großstadt erwartet wird. Naja, bis auf das Viagra, das die jungen Frauen selbst herstellen und online verkaufen, denn irgendwo muss die Kohle ja herkommen.

Während Gemma und Minna ihren Hobbys nachgehen, sitzt die Protagonistin samstagabends allein zuhause und lässt das Gedankenkarussell kreisen. Sie sinniert über ihre Wohnungseinrichtung (nicht instagramable), gesellschaftliche Schönheitsideale (denen sie eh nie genügen wird), das Patriarchat (zum Kotzen) oder das Regenwetter (wird es denn nie enden?). Zwischendrin werden die Gedankenschleifen von Anrufen oder Nachrichten unterbrochen, von ihren Mitbewohnerinnen, ihrer Mutter, oder ihrer heimlichen Liebe Lina. Doch die schreibt leider nur, um vom nächsten Typen zu berichten.

Vielstimmigkeit

Ein Overheadprojektor projiziert eine Mindmap auf die Lamellenvorhänge im Bühnenhintergrund, mit der die Protagonistin wichtige Begriffe festhält: „Hoffnung“, „Lina“, oder „Beziehungen“. Denn darum kreisen die Gedanken der namenlosen Hauptperson: Um die Sehnsucht nach einem Menschen, der „da draußen auf mich wartet“. Um Ängste, Sorgen und Hoffnungen auf eine großartige Zukunft in der Welt da draußen. Auch wenn das utopisch erscheint, trägt sie doch Kleidergröße 38, hat leider „keine Macke“ und ist damit „out“. Hätte sie doch bloß eine psychische Erkrankung vorzuweisen oder eine schwere Kindheit gehabt. Einfach irgendwas, das als Rechtfertigung für die Probleme und das vermeintliche Versagen herhalten kann.

Die kaum kontrollierbare und immer wieder zutage tretende Aggressivität ist irgendwie sogar nachvollziehbar, ist das Leben doch wirklich manchmal zum Verzweifeln. Verständlich ist die Zerrissenheit der Protagonistin, die namenlos bleibt und damit stellvertretend für eine ganze Generation junger Menschen steht. Voller Kraft und Spielfreude wüten die Darsteller*innen in lila Hoodies über knallbunten Tops, mit dicken orangenen Brillen und goldene Partyhütchen über die Bühne. Sie singen, tanzen und rappen, reißen sich ihre Kostüme zur dröhnenden Musik von Adrian Sieber nach und nach vom Körper und werfen sie durch den Raum. Dabei füllen sie den Bühnenraum bis in den letzten Winkel mit Energie.

Im Chor schlagen sie sich durch die Textmengen und immer wieder bricht eine von ihnen aus, schreit ihre eigenen Zeilen, rennt nach links, anstatt nach rechts. So gelingt es der Inszenierung die inneren Konflikte der Protagonistin offenzulegen und sie uns im hohen Bogen vor die Füße zu pfeffern.

Das Bühnenbild von Feng Li erinnert heute Abend, anders als auf den Fotos, an ein deprimierendes Büro. Die grauen Lamellenvorhänge werden an silbernen Gitterträgern hin und her geschoben, auf- und wieder zugezogen. An der Seite ein schwarz-roter Boxsack, auf den die Protagonistin eindrischt, wenn es ihr zu viel wird in ihrem Hamsterrad. So wird die Zerrissenheit der Protagonistin unterstrichen, zwischen der Angst vor der Welt da draußen und dem Willen, sich ihr trotzdem zu stellen.

Mit Leichtigkeit changiert die Inszenierung zwischen witzigen und berührenden Momenten, wenn Sorgen, Ängste und Sehnsüchte schonungslos ausgesprochen werden und man sich fühlt wie ertappt. Denn wer kennt sie nicht, diese Gewissheit, dass ein bestimmter Moment nie wiederkommen wird. Die Angst darum, nicht schön genug zu sein und als der einsamste Mensch der Welt zu enden. Es ist aber nicht nur dem Text, sondern auch den drei Darstellerinnen und dem künstlerischen Team um Regisseurin Catja Baumann zu verdanken, dass das Stück von großem Witz und beklemmender Radikalität zugleich ist. Am Ende langer Applaus für diesen knallharten und zugleich berührenden Theaterabend.

ZUR PRODUKTION

eine Produktion vom Mainfrankentheater Würzburg
Regie: Catja Baumann
Bühne und Kostüm: Feng Li
Musik: Adrian Sieber
Dramaturgie: Susanne Bettels, Oliver Meyer
Licht: Mariella von Vequel-Westernach, Sherry Zaki

mit Jojo Rösler, Sina Dresp und Anouk Elias

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