Weder ganz hier noch ganz dort

Welche Rolle die familiäre Migrationsgeschichte für das eigene Leben spielt, verhandelt die Inszenierung “Herkunft” vom Münchner Volkstheater auf der großen Bühne des ETA Hoffmann Theaters. Sie basiert auf dem gleichnamigen Roman des Autors Saša Stanišić, der darin auch autobiografisches Material verarbeitet. Sechs Darsteller*innen zeigen dem Publikum, unter der Regie von Felix Hafner, wie wenig Herkunft mit Geographie zu tun hat. Fotos: Gabriela Neeb

Eine Kritik von Mareike Eissing

Erinnerungen, Vergessen, Ausländerbehörde. So hart dieses letzte Wort klingt, so kühl sind auch die Fragen dieser Institution. Zu Beginn prasseln sie im Sprechchor auf uns ein: „Geboren? Bitte tabellarisch.“ Holt eine der Figuren bei ihrer Antwort weiter aus, ermahnt der Sprechchor maschinenhaft: „Bitte keine Lyrik. Bitte keine Anekdoten.“ Sind es nicht aber gerade die Details in unserem Leben, die uns zu der Person machen, die wir sind?

So wie sein Roman, dreht sich auch die Münchner Inszenierung um die Biographie des Autors Saša Stanišić. Zu Beginn der Jugoslawienkriege floh er 1992 zusammen mit seinen Eltern aus dem Vielvölkerstaat und kam als Jugendlicher nach Heidelberg. Dort studierte er Slawistik. Heute Abend schauen wir zu, wie die sechs Schauspieler*innen aus Sašas Perspektive berichten. Von dem alles entscheidenden Spiel des Fußballclubs Roter Stern Belgrad gegen Bayern München. Von dem Moment, als sein Vater in der sommerlichen Gartenidylle in Heidelberg die Zeitung aufschlug und vom Genozid in der Heimat las. Von der ausgelassenen Freiheit, die eine ARAL-Tankstelle den Jugendlichen aus Sašas Stadtviertel bot. Von der Wortschatzarbeit im Deutschunterricht. Und von Ausländerfeindlichkeit.

Oft bleiben die Szenen sehr nah am Romantext. Trotz der Ernsthaftigkeit der Inszenierung blitzt immer wieder Humor auf. Dies mag an der Spielweise der Darsteller*innen liegen, sie setzen die literarische Vorlage voller Lebhaftigkeit um: als grölendes Slow Motion-Publikum im Belgrader Stadion oder als übernächtigte Schulklasse. Gemeinsam mit ihnen folgen wir den Spuren, die Sašas Herkunft bis heute in seinem Alltag in Deutschland hinterlässt. Wohn- und Arbeitssituation, soziales Umfeld und Zukunftschancen sind von der Migrationsgeschichte der Familie beeinflusst.

Anders verhält es sich mit Szenen, die in Sašas Geburtsort Višegrad in Bosnien und Herzegowina spielen. Hier geht es um seine Kindheit, die Besuche als Erwachsener oder um seine Großmutter Kristina. Jedes Detail scheint sich um die Frage zu drehen, was Herkunft ist. Der Geruch von Erde auf dem Friedhof. Der Geschmack des Wassers aus dem Brunnen, den der Großvater einst baute. Oder die Legende, er habe in den Bergen einen Bären erlegt, mit nicht einmal vier Jahren.

Von verschiedenen Schauspieler*innen gespielt, steht Großmutter Kristina immer wieder gebückt auf einer Treppe und erinnert Saša von oben an seine Verbindung zu Višegrad. Verloren späht sie ins Publikum, durch ihre Demenz vermischen sich Erinnerung und Gegenwart. Da sie ihrer Wahrnehmung misstraut, glaubt sie nicht mehr, in ihrem Heimatdorf zu leben. Es zeigt sich, wie bedeutungslos die Geographie eines Ortes eigentlich sein kann. Viel wertvoller sind die Erinnerungen und Geschichten, die Großmutter Kristina zunehmend verliert. Gegen Ende der Inszenierung verweigert sie das Trinken. Prasselnd kippt sie den Inhalt einer Wasserflasche auf den Boden. Dieser bedrückende Vorgang scheint der Schlüssel zu sein: Herkunft als etwas, das wir von Geburt an bei uns tragen und zum Leben brauchen, wie das Wasser. Und als etwas, das uns auch abhanden kommen kann, so wie es Kristina passiert durch ihre Demenz.

Immer wieder verschieben die Schauspieler*innen Gegenstände, beleuchten die Bühne und sich selbst mit Overheadprojektoren oder wischen den Boden nach einer Szene trocken. Manchmal erinnern ihre fließenden Bewegungen an Ballett, dann wieder sehen wir eine zuckende Menge an der ARAL-Tankstelle, die zu pulsierendem Techno tanzt. Diese Momente funktionieren nicht nur als Auflockerung eines bewegenden Stoffes. Sie schaffen auch Pausen für Gedanken und verweisen auf etwas, was nur im Tanz, nicht aber in Sprache ausgedrückt werden kann.

Die Kostüme von Camilia Hägebarth sind ganz in Grau gehalten und erinnern an den Film „The Giver“ von Phillip Noyce: nüchtern, unpersönlich, fast dystopisch. Einzig der übergroße weiße Wollpulli von Oma Kristina sticht hervor, den sich die Schauspieler*innen abwechselnd überstülpen. Das sterile Bühnenbild (ebenfalls Camilia Hägebarth) verbreitet die kalte, futuristische Atmosphäre einer Marslandung. Ein schlichtes Metallgerüst und eine ebenso kahle Treppe dienen als Podeste, werden hin- und hergeschoben, von der Bühne gerollt und wieder zurückgeholt. Überall stehen Overhead-Projektoren herum, mit deren Licht die Darsteller*innen Schattenbilder zeigen, sich gegenseitig blenden oder anstrahlen. Zusammen mit der Klangkulisse entsteht ein Sog, der uns immer weiter in die Gedanken des Protagonisten hineinzieht.

Alles dreht sich heute Abend um die Frage, ob Herkunft ein Konstrukt ist, ein Kostüm, das wir ewig tragen. Es wird deutlich, dass Herkunft kein “Zugehörigkeitskitsch” ist, sondern reale Vorteile und Möglichkeiten mit sich bringt. So ist es ein Privileg, sich “geographische Wünsche” erfüllen zu können. In seiner Inszenierung regt Felix Hafner dazu an, sich mit der eigenen Geschichte zu befassen: Woher wir kommen, welche Geschichten wir mitbringen und was sie uns bedeuten.

Zur Produktion

Eine Produktion vom Münchner Volkstheater

Inszenierung/Regie: Felix Hafner
Bühne/Kostüme: Camilia Hägebarth
Dramaturgie: Bastian Boß
Licht: Björn Gerum
Musik: Clemens Wenger
Choreografie: Blenard Azizaj

Mit Jakob Immervoll, Jan Meeno Jürgens, Jonathan Müller, Pola Jane O'Mara, Nina Steils, Anne Stein

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