Was mein Weltbild irritiert, wird aussortiert

Das Solo-Stück „Bestätigung“ von Chris Thorpe wurde am Staatstheater Nürnberg von Antje Thoms mit Sascha Tuxhorn in der Hauptrolle inszeniert. Es erzählt von dem Versuch, Denkweisen rechtsextremer Menschen nachvollziehen zu wollen. Doch ist das wirklich der Schlüssel zu einer besseren Gesellschaft? Foto: Konrad Fersterer

Eine Kritik von Luisa Mückstein

Leises Murmeln im Publikum. Plötzlich geht das Licht auf der Bühne an und da ist er: Sascha Tuxhorn. Ganz leger schlendert er mit schwarzer Jeans, weißem Tank-Top, dunkler Stoffjacke und roter Kaffeetasse auf die Bühne. Kein großer Auftritt. Keine Distanz zum Publikum. In der Mitte der Bühne ein Holztisch mit Stuhl, rechts ein Mikrofon, dahinter ein Pult. Madeleine Mebs erschafft hier einen Raum, der auch Sascha Tuxhorns eigenes Büro sein könnte.

„2, 4, 6, welche Regel steckt hinter dieser Zahlenfolge? Behalten sie ihre Regel für sich und bilden Sie eine neue dazu passende Zahlenfolge.“ Mit Fragen wie diesen bricht Sascha Tuxhorn die vierte Wand zum Publikum auf und zieht uns hinein in seinen Vortrag. Also was ist Ihre Zahlenfolge? „8, 10, 12, Regel: Plus 2.“ Und schon sind wir da angekommen, wo das Stück uns haben möchte. Saschas Regel: aufsteigende Zahlen: 2, 4, 6. Für uns: eine Bestätigung unserer eigenen Regel. Der Bestätigungsfehler.

Langsam dreht sich Sascha um und geht zum Pult in der linken hinteren Ecke. Er zieht seine Jacke aus und tauscht sie gegen ein weißes Hemd. Knöpft dieses zu und stellt sich vor das Mikrofon. Ort auf der Bühne und Körpersprache markieren eine andere Figur: Peter, ein überzeugter Nationalsozialist. Das Stück ist ein Versuch sich dem eigenen Bestätigungsfehler zu stellen, indem er in Dialog mit einem Rechtsextremen und Holocaustleugner tritt. Ab jetzt werden durch die Figur „Peter“, die ihre politischen Ansichten ruhig und ausführlich darlegt, immer wieder rassistische und antisemitische Aussagen reproduziert. Die Kaffee-Tassen-Atmosphäre ist wie weggepustet. Betretenes Schweigen und Unwohlsein füllen den Raum.

Das Stück polarisiert. Wirft die Frage nach Grenzüberschreitungen auf. Zwar werden die Aussagen Peters durch den Dialog mit Sascha kritisch beleuchtet, aber trotzdem stehen sie im Raum und reproduzieren eine Form rassistischer und antisemitischer Gewalt. Was darf Kunst? Was geht zu weit? Die Überforderung im Publikum ist spürbar. Weiterhin geht Sascha mit dem Publikum in den Dialog. Lässt eine*n Zuschauer*in Aussagen Peters vorlesen, die auf die Wand projiziert werden. Ganz bewusst wendet der Darsteller sich sowohl als Sascha als auch als Peter immer direkt an das Publikum, macht uns damit zu seinen Gesprächspartner*innen und lässt das Gesagte noch tiefer wirken.

Die Inszenierung von Antje Thoms zeigt Strukturen rechtsradikaler Theorien auf. Der Versuch, Peter aus der Komfortzone zu locken, scheitert. Er lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, spricht mit einer in sich ruhenden, beschwichtigenden Stimme, hat ganz persönliche Schicksalsschläge zu verkraften und wohnt in einem stinknormalen Einfamilienhaus. Doch Sascha macht das rasend vor Wut. Die Kaffeetasse fliegt um, Kaffee verteilt sich auf dem Boden. Sascha zieht sein Hemd aus. Irgendwie muss Peter doch zu provozieren sein.

„Ich habe keine Angst das zu sagen: du bist einfach scheiße dumm, scheiße dumm bist du!“ Sascha kann nicht mehr, er ist mit seiner Toleranz am Ende. Wieso kann Peter nicht verstehen, wie er denkt? Wieso kann er nicht auf Sascha zugehen? Aber Peter wird das nicht verstehen. Kann er doch nicht glauben, wie Sascha scheinbare Fakten einfach ignoriert und weiter seinem Idealismus nachrennt. „Du bist ein Kind, ein Kind bist du.“

Schlussmonolog, Saschas Gedanken. Wechsel von weißem Hemd zu schwarzer Stoffjacke. Ja, der Bestätigungsfehler verstärkt Filterblasen und Echokammern. Aber wo ist die Grenze? Wie sinnvoll ist es, die eigene Toleranz damit aufzubrauchen Menschenverachtung und Hass nachvollziehen zu wollen? Wie viel bringt ein Dialog, wenn kein gemeinsamer Nenner da ist?

Beeindruckend gelingt Sascha Tuxhorn der Spagat zwischen zwei Figuren, deren politische Sichtweisen unterschiedlicher nicht sein könnten. Mitreißend, provozierend und bewegend rückt „Bestätigung“ eine gesellschaftliche Problemstellung unserer Zeit ins Licht.

Zur Produktion

Eine Produktion vom Staatstheater Nürnberg

Regie: Antje Thoms
Bühne und Kostüme: Madeleine Mebs
Dramaturgie: Sascha Kölzow
Licht: Wolfgang Köper

Mit Sascha Tuxhorn

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