Von Norwegerpullis und cringe-Momenten

Der klassische Stoff “Peer Gynt” von Henrik Ibsen wurde von Heidi Lehnert ursprünglich auf einer Freilichtbühne im Innenhof der Stadtwerke Bamberg inszeniert. Bei den Bayerischen Theatertagen zeigt das Theater im Gärtnerviertel sein Stück im Studio des ETA Hoffmann Theaters und lenkt den Blick auf Frauenrollen im Theater. Fotos: Werner Lorenz

Eine Kritik von Mareike Eissing

Während es im Drama von Ibsen eigentlich um die Ich-Sucht und Hybris des Lügenbolds, Wolkenträumers und Außenseiters Peer Gynt geht, lenkt die Inszenierung des Bamberger “Theaters im Gärtnerviertel” die Aufmerksamkeit ungewollt auf einen anderen Diskurs: Frauenrollen im Theater, ihre Reduktion auf den Aspekt der Lächerlichkeit und ihre Besetzung durch Männer. Alles an diesem Stück scheint zu implizieren: Lasst uns doch einfach mal alle gemeinsam über Hyperstereotypisierung lachen und steigt von eurem hohen Ross der Gender-Awareness! Für die einen schien diese Intention zu funktionieren, für die anderen waren die zwei Stunden eine peinlich-unangenehme Tortur.

Die drei Lebensstationen Peer Gynts (Jugend, Lebensmitte, Lebensende) werden von Stephan Bach, Benjamin Bochmann und Martin Habermeyer gespielt und von Percussioninstrumenten begleitet (Johannes Klütsch). Dass alle drei Spieler die Figur Peer Gynt darstellen wird durch einen Norwegerpulli markiert, der in drei Teile zerteilt und in die Kostüme der Darsteller integriert ist (Lena Kalt).

Als Sohn eines verstorbenen Säufers lebt der junge Peer allein mit seiner Mutter in einer Behausung aus chaotischem Plunder und Sperrmüll: Elektrokram, Bretterhaufen und allerlei Holzleitern prägen das Bühnenbild von Linda Hofmann. Sie sind zugleich Sinnbild der Gyntschen Seele. Auch wegen seines Herumlungerns und seiner Dreistigkeiten erfährt Peer Gynt im Dorf Ausgrenzung und Hohn.

Doch wie jede*r Andere sehnt er sich nach Anerkennung und verliebt sich auf einer Dorfhochzeit in die fromme Solveig, die in der Inszenierung als Traumgestalt auftritt. Ihre Ablehnung reizt ihn dann allerdings so sehr, dass er kurzerhand mit der Braut das Weite sucht, die wohl irritierendste Szene des Stücks: Peer rennt von der Bühne, Braut Ingrid (Martin Habermeyer) flitzt ihm mit einem meterlangen Brautschleier einmal ums Publikum hinterher, kurz verfängt sich der Schleier im Bühnenbild. Ingrid besteigt anschließend in einem weißen Reifrock und einem Unterhemd mit fipsigem Stöhnen eine Leiter, die metaphorisch für das Gebirge steht, in das Peer sich stets zurückzieht, um dann auf der anderen Seite herunterzufallen und sich übertrieben dramatisch auf dem Boden zu wälzen. “Halt dein Maul”, brüllt Peer, der von einer anderen Leiter aus auf sie herabblickt.

Auch der weitere Verlauf der Szene ist so stereotyp überzeichnet, dass es wehtut: In ihrer Verzweiflung bietet die Braut affektiert ihre Sexualität als Mitgift an, Peer vergeht sich an ihr, was ihr komischerweise zu gefallen scheint. Anschließend verhöhnt er sie. Dennoch bettelt sie ihn an, sie zu heiraten, denn ihr Ansehen ist durch den sexuellen Übergriff ruiniert. Die ganze Szene ist nicht lustig, sondern dezidiert peinlich. Es stellt sich die Frage, welchen inszenatorischen Mehrwert eine derart lächerlich-verzerrte Frauendarstellung, gespielt von einem männlichen Darsteller, heutzutage noch hat.

Im hohen Gebirge aus Klappleitern kann Peer sich Resilienz und Mannesstärke einbilden und sich herbeisehnen, wie die Wildgänse durch die Welt zu fliegen. Bevor er die Weltreise antritt, macht er aber noch einen kurzen Abstecher als Aluhutkönig ins Milieu der rechtsextremen Verschwörungstheoretiker-Trolle. Es folgen Reiseepisoden auf verschiedenen Kontinenten. Gynts Tätigkeit als Sklavenhändler, wie sie im Drama von Ibsen vorkommt, sowie die europäische Kolonialgeschichte werden dabei ausgeklammert. Nach Peer Gynts Rückkehr ins Heimatdorf als inzwischen gealterter Mann, rechnet schließlich der Knopfgießer als Teufelsfigur mit seinem Leben ab und beschlagnahmt Peers Seele mit den Worten “du bist kein Kaiser, du bist eine Zwiebel”.

Einen viel inszenierten Stoff wie diesen mit so wenig Sensibilität für Geschlechterdarstellungen zu zeigen, ist schade. Doch immerhin stellt uns der Abend vor eine wichtige Überlegung, wenn sich “die Männer” in Peers Dorf breitbeinig mit Bier angrölen und “die Frauen” sich mit Sektgläschen kokett über den neuesten Klatsch austauschen: Ist die karikaturistisch überzeichnete Darstellung der binären Geschlechter hier nicht schon wieder berechtigte Kritik am nach wie vor herrschenden Rollenverständnis? Alle, die der Inszenierung dieses subversive Potenzial nicht zutrauen, kontern: Nein, denn Komik verharmlost in diesem Fall Diskriminierung (besonders in zwei Szenen, die an MeToo erinnern) und hält Machtstrukturen aufrecht, anstatt sie zu problematisieren.

Die Inszenierung von Heidi Lehnert bemüht sich, den Stoff aus dem 19. Jahrhundert ins Heute zu transportieren. Doch aktuelle Referenzen und Einschübe funktionieren nicht. Selbst der Dab-Move, den die drei Gynt-Figuren gerne nutzen, ist eine Tanzfigur, die auf Social Media vor fünf Jahren mal Trend war und schon seit vier Jahren als “cringe” gilt.

Zur Produktion

Eine Produktion vom Theater im Gärtnerviertel (Bamberg)

Inszenierung/Regie: Heidi Lehnert
Bühne: Linda Hofmann
Kostüme: Lena Kalt
Choreografie: Laura Schabacker
Dramaturgie: Heidi Lehnert
Licht: Martin Wenzel
Musik/Sounddesign: Jens Kußmann
Produktionsleitung: Nina Lorenz

Mit Stephan Bach, Benjamin Bochmann, Martin Habermeyer, Johannes Klütsch

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