Von Kängurus, Rollläden und Camus‘ Sysyphos

Heute werden die 38. Bayerischen Theatertage eröffnet und das gleich mit einer Uraufführung: die Bamberger Intendantin Sibylle Broll-Pape inszeniert „Kängurus am Pool“ von Theresia Walser. Es geht um Kängurus und Rollläden, aber vor allem um Kommunikation, um das Streben nach Sicherheit in unsicheren Zeiten und die Frage nach dem Sinn. Wir haben mit der Autorin über ihr Stück und unsere Zeit gesprochen. Foto: Karin Rocholl

Ein Interview von Janina Müller

Redaktion: Liebe Theresia, schön, dass du da bist! Wie kam es zu deinem Stück „Kängurus am Pool“?

Theresia Walser: Es gibt ganz unterschiedliche Arten, wie bei mir ein Stück entsteht. „Kängurus am Pool“ ist im Lockdown entstanden, es sind viele Geschichten oder Atmosphären, Stimmungen, die mich in dieser Zeit umgeben haben und die sich dann zu diesem Figurenzirkel entwickelt haben. Auch traumartige Szenen sind eingeflossen.

Redaktion: Diese Atmosphären und Stimmungen scheinen von einer Hoffnungslosigkeit geprägt zu sein.

Theresia Walser: Ich würde eher sagen, die Figuren sind alle etwas hoffnungserschöpft. Immerhin haben sie ja auch was hinter sich, auch wenn nicht konkret über die Pandemie gesprochen wird, geistern Wörter herum, wie Pest oder Lieferengpass oder Lieferketten-Lücken. Diese Zeit hat jeden anders durchgerüttelt und in der Schicksalslotterie ist auch jeder ganz anders da herausgekommen. Die einen hat die Katastrophe reich gemacht, den anderen hats den Job gekostet, wieder andere sind verschwunden oder sie sind zu Pflegern und Pflegerinnen ihrer Eltern geworden. Oder sie wirken wie Gestrandete, die auf ihr Weiterleben warten. Aber alle rollen sie ihre Hoffnungsbrocken vor sich her, nur dass man es sich nicht mehr wirklich selbst glaubt.

Das besitzt natürlich auch einen Irrwitz und eine Komik, wie die Figuren sich selbst Hoffnung einreden. Sie reden dann davon, dass man morgen in die Schweiz gehe und dort alles besser werde. Diese Dinge wiederholen sich wie ein Refrain. Aber die Gewissheiten, mit denen sie vielleicht aufgewachsen sind, scheinen längst nicht mehr haltbar. Sie tasten sozusagen nach dem gewohnten Lebensgeländer, das es so nicht mehr gibt, als wären sie immer noch die Berufs-Menschen, die Beziehungs-Menschen, die sie einmal waren.

Redaktion: In deinem Stück sind Rollläden von großer Bedeutung. Hinter ihnen kann man sich isolieren und vor vermeitlichen Gefahren schützen. Warum haben wir so viel Angst?

Theresia Walser: Die Zeiten des Lockdowns waren für uns alle ungewisse und auch bedrohliche Zeiten, man wusste nicht, wie es weitergeht. Plötzlich sind uns die Dinge entglitten, das weckt Ängste und Sorgen: Wird die Krankheit dich selber treffen? Oder deine Freunde und Freundinnen, die Menschen, mit denen du lebst? Wie wird das ausgehen? Es sind Abgründe, die sich auftun in solchen Zeiten. Und selbst wenn sie vorbei sind, geht die Unsicherheit nicht einfach verloren, die gemachte Erfahrung prägt einen weiterhin. Die Rolläden geben den Figuren Halt. Du machst morgens den Rollladen auf, du machst ihn abends zu, immer und immer wieder. Das hat Ritualcharakter, gleichzeitig ist es ein Symbol für eine vermeintlche Sicherheit. Wenn du den Rollladen abends zumachst, fängt der Feierabend, die Erholung an. Umgekehrt ist der Glaube, der Rollladen halte alles Ungute draußen ein Irrglaube. Wie das Stück aufzeigen wird, ist der Feind nicht immer nur draußen...

Redaktion: Welche Bedeutung hat denn dein eigener Rollladen für dich?

Theresia Walser: Ich bin wahrscheinlich eher ein Vorhangsmensch. Es macht mich jedesmal wehmütig, wenn ich geschlossene Rollläden sehe. Es ist fast, wie soll ich sagen…eine Melancholie. Ich kann in Räumen, in denen die Rollläden unten sind, nicht schlafen, weil ich dann das Gefühl habe, ich kriege keine Luft mehr. Das halte ich ganz schwer aus.

Redaktion: Das finde ich auch in Bezug auf dein Stück spannend: Einerseits möchte man etwas, was man kennt, was sich wiederholt und dadurch Sicherheit spendet, andererseits kann gerade dies auch sehr erdrückend wirken. Insbesondere die Figur Ada scheint es so wahrzunehmen.

Theresia Walser: Ja, das stimmt. Die Wiederholung gibt Halt durch die Verlässlichkeit des immer Gleichen. Sie scheint mir aber auch das Gegenstück zur Freiheit zu sein.

Redaktion: In deinem Stück zeigt sich durch die vielen sich wiederholenden Elemente auch ein Zwangscharakter. Glaubst du denn an Freiheit?

Theresia Walser: Ich glaube, dass wir von einer Freiheit ausgehen müssen, weil wir sonst nicht zur Verantwortung fähig wären. Aber zur Freiheit gehören eben auch Zwänge, die diese Freiheit ermöglichen. Denn wenn jeder nur für seinen egoistischen Freiheitsraum sorgt, dann wäre das problematisch. Zum Beispiel wenn einzelne unterdrückt werden aus dem Egoismus anderer heraus. Ein Zusammenleben ist immer eine Mischung, die auch eine Freiheitsbegrenzung bedeutet, damit ein Miteinander funktioniert.

Redaktion: Die Wiederholung und die Veränderung, der Zwang und die Freiheit werden im Stück sowohl positiv als auch negativ bewertet.

Theresia Walser: Die Dinge sind nicht säuberlich getrennt, sondern oftmals Durchmischungen, denen wir uns auch nicht immer bewusst sind. Da kommen wir zur Frage nach Sisyphos, auf die das Stück verweist und ob, wie Camus das sagte, man sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen kann. Wir haben ja alle irgendwelche Sisyphos-Anteile. Im Stück wird das mit dem Bild des dementen Vaters dargestellt, der in der Tagespflege einen Stoß Holz bekommt, ihn stapelt und stapelt und wieder stapelt, auch wenn er umgeworfen wird. Die ständige Wiederholung, die Sinnlosigkeit dieses Tuns, ist dann der Sinn, denn in dieser Tätigkeit ist er aufgehoben.

Redaktion: Es gibt noch eine andere starke Dialektik im Stück, denn die Figuren stehen in Beziehungen zueinander, aber scheinen dennoch einsam zu sein. Das zeigt sich vor allem in der Kommunikation, sie gehen nicht aufeinander ein.

Theresia Walser: Sie reagieren nicht unbedingt logisch aufeinander. Aber so funktionieren ja auch oftmals unsere Alltagsgespräche nicht. Wir sprechen viel unübersichtlicher und unordentlicher, als wir es uns selbst zugestehen. Theater ist glücklicherweise ja auch kein Beispiel für ein Kommunikationsseminar. Im Theater hast du die Möglichkeit, dieses verwilderte, assoziative Sprechen zum Leben zu erwecken. Ein herrschaftsfreier Dialog nach Habermas wäre auf der Bühne sterbenslangweilig. Die Bühne ist auch eine heiße Herdplatte, da kochen die Abgründe hoch.  

Redaktion: Zum Schluss noch eine ganz wichtige Frage: Warum denn ausgerechnet die Kängurus?

Theresia Walser: Durch eine Einladung zu einem Theaterfestival hatte ich mal das Glück, nach Australien zu reisen und habe dort einen ganzen Abend lang Kängurus auf einer Wiese beobachtet. Von weitem sahen sie wie riesige sanfte Kühe aus. Durch ihre langen Glieder wirken sie auch etwas fragil. Auf der anderen Seite haben die ja eine irre Power. Diese Mischung gefällt mir. Sie könnten fast auch monströse Hasen sein, so wie sie aussehen. Später hat mir jemand von einem Pärchen erzählt, das sich Kängurus angeschafft hat. Das endete schlimm. Man weiß bis heute nicht, ob die vom Nachbarn, Fuchs oder Wolf, geschlachtet wurden. Dieses Bild ist mir im Kopf geblieben. In meinen Stück geht die Känguru-Geschichte anders aus.

Zurück