Vom Versuch des Hineintauchens

„4.48 Psychose“ ist ein Stück über die psychische und physische Ausnahmesituation einer Depression. Das Metropoltheater München zeigt das fünfte und letzte Stück der Autorin Sarah Kane in einer Inszenierung von Jochen Schölch auf der großen Bühne des ETA Hoffmann Theaters. Fotos: Judith Toth, Thomas Meinhardt

Eindrücke von Leonard Bürger

Sarah Kane ist tot. Umgebracht hat sie sich, 1999. Das erfahre ich 15 Minuten vor Vorstellungsbeginn auf dem Weg zum Theater ganz beiläufig von einem Bekannten. Erhängt hat sich die Autorin, auf der Toilette einer Psychiatrie. „4.48 Psychose“ war ihr letztes Stück. Klar, ich weiß, dass das, was ich gleich sehen werde, kein Unterhaltungsprogramm ist. Es geht um Depression, Suizid, unvorstellbaren Schmerz. Ich habe die Beschreibung des Stückes zwar gelesen, doch jetzt ist mir unwohl zumute. Weil ich nun von der Biographie der Autorin weiß? Weil mich brutale Realität erwartet?

Auf der Bühne steht ein rundes Plastikgebilde, mit einem Eingang an der Seite, wie eine Spirale. In der Mitte ein rundes, sich manchmal drehendes Podest. Die Plexiglasscheiben des Bühnenbilds sind innen verspiegelt, was uns Zuschauer*innen Einblicke in den Raum gewährt. Den Schauspieler*innen innerhalb dieses Raums macht es den Ausblick jedoch unmöglich, ihre Spiegelbilder multiplizieren und brechen sich in den Scheiben. Das Spiel beginnt: Die namenlose Protagonistin betritt die Bühne und schon nach wenigen Sätzen realisiere ich, dass dieses durchsichtige Plastikgebilde sie gefangen hält. Es ist wie ihre Seele, von der sie sich nicht lösen kann, und gleichzeitig ein Krankenzimmer in der Psychiatrie, aus dem sie weder ausbrechen, noch hinausblicken kann. Die Depression ist unausweichlich und macht die Protagonistin zum Untersuchungsobjekt, das von außen – von uns und dem Psychiater – begafft werden kann.

„Aber Sie haben doch Freunde?“ ist der erste Satz des Stückes. Eine Voiceover-Stimme aus dem Off. Ich schreibe ihn mir auf, vielleicht kann ich mich später an ihm orientieren, um die Handlung zu rekonstruieren. Doch eine stringente Handlung im herkömmlichen Sinne, bei der eines auf das andere folgt, gibt es hier nicht. „4.48 Psychose“ ist vielmehr ein Moment: Um 4:48 Uhr erlangt die Protagonistin Klarheit. In ihrem sonst vom Wahn beherrschten Leben kann sie ihr Leiden plötzlich bewusst und sortiert artikulieren. In ihrem Sprechen erzeugt sie einen Strudel aus depressiven Gedanken, poetischen Fragmenten und Erinnerungen an Bloßstellungen und Erniedrigungen in der Psychiatrie. Es ist ein wilder, bildreicher Bewusstseinsstrom, ein Gefüge aus Monolog und Dialog, Selbstreflexion und Selbsthass, unerklärlichen Chiffren und lyrischer Sprachkunst. Die Sprache begeistert mich, hält mich aber ebenso auf Distanz. Während sie da vorne „im kalten, schwarzen Teich“ ihrer Depression ertrinkt, tue ich mich schwerer und schwerer in das Stück einzutauchen. Immer wieder drifte ich ab. Es gelingt mir kaum, mich auf den Text zu konzentrieren. Verstehe ich einfach nicht, was hier abgeht? Geht es überhaupt um ein Verstehen?

Kakerlaken, Hölle, Scham, Doktoren, Zermalmen, Ritzen, Sertralin, Lofepramin, Citalopram, 100, 91, 84, 81, 72… Die endlos wirkenden Verkettungen von Assoziationen, Bildern und Erinnerungen sind gefärbt vom Schmerz einer unausweichlichen Krankheit. So gerne würde ich in den Bann dieser Sprache gezogen werden, mit der Namenlosen mitfühlen und berührt werden. Stattdessen verwirrt mich, warum der Psychiater plötzlich nackt und in weißblonder Perücke auf dem Podest posiert. Meine Gedanken entgleisen und ich frage mich, ob sie das tun, weil ich mit dem Stück nichts anfangen kann oder ich die bedrückende Thematik nicht zu nah an mich heranlassen will, aus Selbstschutz sozusagen. Noch im Publikumsraum sitzend, zweifle ich an meiner Fähigkeit morgen etwas über diesen Abend zu schreiben. Ich muss den Stücktext lesen, vielleicht verstehe ich dann?

Nach der Vorstellung sitzen wir auf der Dachterrasse des Theaters und blicken uns ratlos an. Stille. Wo anfangen? Ich fühle mich frustriert und überfordert. Meinen Anspruch zu verstehen, nachzuempfinden und mich hineinfallen zu lassen konnte ich nicht erfüllen. Während es langsam dunkel wird und der Regen leise nieselt, teilen wir unsere Gedanken, Deutungen und Fragen miteinander: Was hat es mit der Liebesgeschichte auf sich? War der Psychiater ihre Verbindung zur Außenwelt? Kann und soll man den Schmerz der Figur überhaupt nachvollziehen?

“4.48 Psychose” bietet Raum, sich für 75 Minuten in die Gedanken eines depressiven Menschen hineinzudrehen – Gedanken, die sonst ein Tabu und hinter verschlossener Tür bleiben. An diesem Abend aber hat mich der Gedankenstrudel leider nicht mitgezogen. Und das ist okay.

Am nächsten Tag habe ich den Text im englischen Original vor mir. Eine PDF-Datei, gefunden auf einer unseriös wirkenden Website. In schriftlicher Form sieht der Text aus wie ein langes experimentelles Gedicht. Keine Rollen, wenig Regieanweisungen. Ich kann nicht aufhören zu lesen, verschlinge die poetischen Aufschreie des Schmerzes. “The broken hermaphrodite who trusted hermself alone finds the room in reality teeming and begs never to wake from the nightmare”. Endlich zieht mich der Strudel hinein.

Zur Produktion

Eine Produktion vom Metropoltheater (München)

Inszenierung/Regie: Jochen Schölch
Bühne: Jochen Schölch, Thomas Flach
Kostüme: Cornelia Petz
Licht: Hans-Peter Boden
Musik-/Sounddesign: Philipp Kolb

Mit Judith Toth und Thomas Meinhardt

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