Verpasste Chance

Das Residenztheater München zeigte am Dienstagabend „Cyrano de Bergerac“ in einer neuen Inszenierung von Regisseur Antonio Latella. Wer sich auf den Klassiker nach Edmond Rostand gefreut hatte, wurde enttäuscht, alle anderen dafür bestens unterhalten. Zumindest wenn sie die ursprüngliche Handlung schon kannten und mit sämtlichen aktuellen Diskursen aus Politik, Kultur- und Theaterwelt vertraut waren. Fotos: Birgit Hupfeld

Eine Kritik von Stella Bayer

Auf der Bühne nur zwei Darsteller: Cyrano de Bergerac (Florian von Manteuffel) und Christian de Neuvillette (Vincent Glander) führen uns durch diese „Bearbeitung für zwei Einsamkeiten“. Folgt man der ursprünglichen Stückfassung, müssten es mindestens drei Einsamkeiten sein, hier sind Einsamkeit A und B jedoch allein. Die liebe Roxanne bleibt außenvor, wie alle anderen der über fünfzig Figuren auch. Stattdessen wird das Publikum eingebunden und die schöne Dame in der ersten Reihe zur neuen Muse des Cyrano de Bergerac alias Einsamkeit A. Verwirrend? Oh ja, genau darin bestehen der besondere Charme und Witz der Aufführung - und auch ihre Exklusivität.

Ausgangspunkt ist die Geschichte des historischen Cyrano de Bergerac, der als Dichter, Dandy und Duellist lebt und als Musketier bei den Gascogner Kadetten dient. Im Bühnenstück von Edmond Rostand traut sich der Held aufgrund seiner hässlichen Nase nicht, der schönen Roxanne seine Liebe zu gestehen, weshalb er seinen Regimentskollegen Christian de Neuvillette als Verehrer vorschickt und dessen Ghostwriter wird. Roxanne verliebt sich in den attraktiven Christian und dessen leidenschaftliche Worte, was letztlich zu einer konfliktgeladenen Dreieckskonstellation führt.

An diesem Abend kann von einer solch stringenten Handlung allerdings nicht die Rede sein, vielmehr von einer Abhandlung aktueller Diskurse aus Politik, Kultur- und Theaterwelt. Cyrano de Bergerac verkörpert dabei eine die Jahrhunderte überdauernde literarische Figur, die sich selbst, ihr exaltiertes, abgehobenes Künstlerdasein, ihre Einsamkeit und ihre Nase dauerhaft egozentrisch reflektiert. Sein Counterpart Christian verkörpert immer wieder das „Resi“ selbst, das Residenztheater München, und stimmt in die Selbstironie mit ein. Außer selbstreflexiven Diskussionen, der auffälligen „Schwanznase“ des Cyrano oder dem Ghostwriting für Christian bleibt von Edmond Rostands Text nicht viel.

Zu Beginn ist die Bühne leer, volle Konzentration also auf die Kostüme von Graziella Pepe: Cyrano ganz klassisch mit Federhut im Stil eines Musketiers. Seine absonderliche Nase wird zunächst nur durch Worte, später durch Pappnasen dargestellt. Christian ganz in Pink mit weißer Halskrause, dann plötzlich in schwarzen Boxershorts und silbernen Strasssteinchen. Das Licht im Publikumsraum leuchtet, was den Kontakt zu den Zuschauer*innen verstärkt.

Im Verlauf des Stücks fahren zwei quadratische Kästen auf die Bühne, die an Autoscooter erinnern. Dabei repräsentiert das eine in nüchternem Schwarz das Residenztheater und das andere mit barocker Ästhetik die große Bühne des ETA Hoffmann Theaters. Flackerndes Neonlicht (Barbara Westernach) und Technosound (Franco Visioli) kommen zum Einsatz. Dazu zeigen die beiden männlich gelesenen Figuren eine Choreografie von Francesco Manetti, die an klassischen Paartanz erinnert und Fragen nach queerer Liebe und gesellschaftlicher Akzeptanz impliziert.

Alles, was Politik, Gesellschaft und Kultur aktuell hergeben, wird auf die Schippe genommen: Rechtspolitische Narrative und Rassismus, Genderdebatte und Frauenquote, genauso wie der literarische Kanon oder das vermeintliche Aussterben des Theaters. Doch dieser Spaß hat auch ein Ende, nämlich dann, wenn die Türen des Theaters durch derlei Insidergerede und Selbstreferenzialität eher verschlossen werden, anstatt dem Publikum eine moderne und gesellschaftsnahe Theaterwelt zu eröffnen.

Florian von Manteuffel und Vincent Glander beeindrucken durch ihre energiegeladene Bühnenpräsenz und ihre Stimmen, mit der sie den ganzen Raum füllen. Unterhaltsam, humorvoll und sehenswert ist dieser Abend für leidenschaftliche Theatergänger*innen und andere Eingeweihte. Doch verfehlt die Inszenierung vor lauter Selbstreferenzialität der Theaterwelt und des Residenztheaters München ihr eigentliches Ziel: aus der Kritik an einem Theater, dass sich nur um sich selbst dreht, wird lediglich seine Reproduktion.

Zur Produktion

Eine Produktion vom Bayerischen Staatsschauspiel - Residenztheater München
Regie: Antonio Latella
Bühne: Giuseppe Stellato
Kostüme: Graziella Pepe
Dramaturgie: Federico Bellini, Katrin Michaels
Licht: Barbara Westernach
Musik: Franco Visioli
Choreografie und Kampftraining: Francesco Manetti

Mit Florian Manteuffel und Vincent Glander

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