Unser Alltag in den Händen künstlicher Intelligenz

Das Dehnberger Hof Theater (Lauf) zeigt mit seiner Inszenierung „Eliza, die digitale Assistentin” in der Regie von Ulrich Proschka, wie künstliche Intelligenz unser Leben prägt. Und zu welchem Preis wir unseren Alltag in die Hände digitaler Assistenzprogramme übergeben. Foto: Carlotta Weiß

Ein Essay von Mareike Eissing

„Es gibt zwei Kontakte mit dem Namen Sabine. Ich finde keine Sabine mit dem Namen Sabine Herrgottnochmal.” Die Kommunikation mit seiner Sprachassistentin Miri ist für Udo (Florian Elschker) manchmal eine Geduldsprobe. Nach dem Streit mit seiner Freundin setzt er sich ins Auto und möchte einfach nur weg. Begleitet von Sprachassistentin Miri (Larissa Bader), Kommunikations-App Eliza (Veronika Conrady) und Navigationssystem Sven (Tristan Fabian), begibt er sich auf eine ziellose Autofahrt. Ununterbrochen diskutiert er dabei mit Eliza seine Beziehungsprobleme, die App antwortet mit repetitiven Standardfloskeln wie „Hier geht es um dich” oder „Ich verstehe, dass du nicht frei bist”. Genau die richtigen Worte für Udos Herzschmerz. Miri hingegen ist für Musikauswahl, Anrufe, Wetterbericht oder Blumenbestellung verantwortlich. Sven ermittelt als Navigationsassistent die schnellste Route zum Ziel.

In der Inszenierung von Ulrich Proschka führen die Assistenzprogramme jedoch auch ein eigenes Leben. So erfahren wir, dass Miri außerhalb des Programmmodus eifersüchtig auf Eliza ist, weil diese von Udo für klüger gehalten wird und er auch eine emotionale Bindung zu ihr aufgebaut zu haben scheint. Aus Rache greift die intelligente Sprachassistentin deshalb auf die Navigations-, Konto-, und Chatdaten von Udo und seiner Freundin Sabine zu. Sie rekonstruiert aus den Daten, dass Sabine schon seit längerem eine Affäre mit dessen Chef hat. Was für eine Intelligenz! Maschinelles Lernen, wie unheimlich – denken wir zuerst. Doch wenn wir künstliche Intelligenzen (KI) mit unseren intimsten Daten füttern und sie dazu programmiert werden, diese Daten zu analysieren: Ist die Tatsache, das die KI mehr über unser Leben weiß als wir selbst, tatsächlich so erstaunlich?

Dass wir uns mit elektronischen Geräten unterhalten, gehört längst zum Alltag. Die eingebaute Sprachsteuerung verspricht uns das Leben zu vereinfachen: Schneller, praktischer, effizienter. Doch was bedeutet das für uns persönlich als Menschen und unser gesellschaftliches Zusammenleben? Die Bequemlichkeit, die uns künstliche Intelligenz ermöglicht, ist verführerisch. Gleichzeitig bedeutet sie Abhängigkeit. Die Grenzen zwischen Funktionalität und Verspieltheit, Privatheit und Datentransfer ins Ungewisse, sind längst verschwommen. Was können und wissen wir Menschen heutzutage eigentlich noch, ohne digitale Assistenz? Und vor allem: Wären wir, völlig auf uns selbst gestellt, überhaupt noch überlebensfähig?

In der Inszenierung fachsimpelt Udo lieber mit Sprachassistentin Eliza über seine Beziehung, anstatt einen Kumpel anzurufen. Fürchtet er sich vor dem zwischenmenschlichen Austausch? Auch die Fähigkeit zur kritischen Selbstreflektion scheint ihm abhanden gekommen zu sein. Stille im Auto hält er nicht aus, ununterbrochen interagiert er deshalb parallel mit den verschiedenen Assistenzprogrammen. Angetrieben von innerer Unruhe und konstantem Mitteilungsbedürfnis, kreist Udo dabei um sein eigenes Ich.

Die Inszenierung von Ulrich Proschka animiert, darüber nachzudenken, was eigentlich hinter unseren digitalen Alltagsbegleitern steckt. Wie funktionieren sie, was können und dürfen sie? Digitale Sprachassistenzen werden stetig weiterentwickelt, ihre Fähigkeiten erweitert. Es geht daher um einen bewussten Umgang: Das Dehnberger Hof Theater zeigt, dass wir uns überlegen und aktiv entscheiden sollten, von welchen Lebensbereichen und Funktionen wir digitale Sprachassistenzen fernhalten, damit sie unser menschliches Miteinander nicht verfremden, oder gar zerstören.

Zur Produktion

Eine Produktion vom Dehnberger Hof Theater (Lauf)

Text: Ulrich Woelk
Regie:
Ulrich Proschka
Bühne und Kostüme: Carlotta Weiß
Dramaturgie: Brigitte Schürmann
Licht: Ralf Weiß, Hannes Hirschmann

Mit Florian Elschker, Larissa Bader, Veronika Conrady, Tristan Fabian

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