Tschechow hautnah

Das Kollektiv punktlive zeigt seine Livestream-Produktion „möwe.live“ nach Anton Tschechows Klassiker „Die Möwe“ von 1896. Nach dem großen Erfolg von „werther.live“ entstand die aktuelle Arbeit des Kollektivs unter der Regie von Cosmea Spelleken in einer Koproduktion mit dem Staatstheater Nürnberg. Mit ihrer Arbeit gelingt es den Künstler*innen das Theater via Livestream aus den Sälen heraus in die heimischen vier Wände der Zuschauer*innen zu tragen. Fotos: Cosmea Spelleken

Ein Kommentar von Milena Behr

Achtung, der folgende Text enthält Spoiler. Im Sommer war noch alles gut, oder zumindest fühlte es sich so an. Doch das scheint ewig her zu sein, so vieles hat sich verändert. Damals verbrachte der junge Kostja mit seiner Mutter Irina, einer etablierter Theaterschauspielerin, deren neuem Lover Trigorin, einem eingebildeten Künstler, seiner Freundin Nina und Mascha, seinem besten Freund, einen Sommer in Südfrankreich. Nahezu unbeschwert badeten sie gemeinsam im See, alberten herum und genossen das Leben. Das Einzige, was jetzt noch vom Urlaub geblieben ist, sind Trigorins Videoaufzeichnungen, die er während der Ferien für eine Kunstausstellung machte.

Ich sitze vor meinem Laptop, es erscheinen WhatsApp-Nachrichten, Zoom-Calls, Video-Sequenzen, Twitter-, Instagram- und Facebookposts. Bildschirme werden geteilt und die Stimmen der Schauspieler*innen, die dahinter sitzen müssen, sind zu hören. Ich folge der Geschichte und erhalte irritierend intime Einblicke in das Leben der Protagonist*innen. Mit unseren eigenen Geräten können wir den detailreichen Instagram-, Twitter- und Facebook-Profilen der Figuren folgen und durch Liken, Kommentieren und Nachrichtenschreiben Teil der Inszenierung werden.

Hautnahes Erleben

Der Livestream (Dramaturgie und Live-Schnitt: Lotta Schweikert) beginnt mit einer Sequenz aus Trigorins Video-Tagebuch: Auf einem Spaziergang im Frankreich-Urlaub finden die Protagonist*innen eine tote Möwe am Wegesrand. Danach folgt der Sprung in die Gegenwart. Zwischen Kostja und seiner Mutter ist es kompliziert. Er startet gerade eine Karriere als junger Regisseur und fühlt sich unverstanden von seiner Künstler*innenmutter, die seine modernen Theaterformate kritisiert. Schnippisch schlägt sie ihm vor, erstens sein Leben in den Griff zu kriegen und zweitens Theater zu machen, das nicht nach einer Stunde langweilt. Uff! Wer so eine Mutter hat, braucht keine Feind*innen mehr.

Aber es kommt noch schlimmer. Trigorin und Kostjas Freundin Nina sind sich im Urlaub nähergekommen und werden ein Paar, was Kostja völlig fertigmacht. Mittlerweile studiert Nina Schauspiel und postet „cute“ Videos aus ihrem Alltag mit Trigorin. Schmerzhafter geht wohl kaum. Gleichzeitig scheint Mascha, der im Urlaub immer so traurig wirkte, jetzt glücklich mit der Grundschullehrerin Katja verheiratet zu sein und sich auf das gemeinsame Kind zu freuen.

Es hat etwas sehr Intimes, all diese Einsichten in fremde Leben zu erhalten. Bei Bühnenproduktionen bleibt das Geschehen oft weiter von uns entfernt und vieles dadurch der Illusion überlassen. Dieser Theater-Livestream dagegen lässt seine Protagonist*innen so plastisch und natürlich wirken, dass ich das Gefühl habe, real existierenden Personen ins Leben zu gucken. Die Stimmen der Schauspieler*innen kommen uns so nah, als würden wir neben ihnen sitzen: Sie nuscheln, versprechen sich, schweifen ab oder lassen sich beim Aufnehmen einer WhatsApp-Sprachnachricht von Annalena-Baerbock-Memes ablenken. Ja, richtig gelesen, dadurch dass live gespielt wird, tauchen zwischen dem Chat mit Trigorin und den Insta-Posts zu Katjas Schwangerschaft immer wieder aktuelle Nachrichten zu Putin, der Ukraine oder den Affenpocken auf dem Bildschirm auf. Schauspiel und Realität verschwimmen.

Das Hin- und Herswitchen zwischen dem Livestream des Stücks und den Insta-Konten der Protagonist*innen auf meinem Handy ist zunächst ungewohnt. Auch, wenn dieses Theaterformat am eigenen Laptop stattfindet, fühlt es sich für mich wie ein Sakrileg an, „im Theater“ am Handy zu hängen. Obwohl das ja ausdrücklich gewünscht ist. Die aufwendige technische Konzeption (Leonard Wölfel) steckt voller liebevoller Details. Die Insta-Konten der Protagonist*innen sind über einen langen Zeitraum angelegt worden und gewachsen. So kann ich mir ein gutes Bild von den Figuren machen: Da ist der junge Theaterregisseur Kostja (Nils Hohenhövel), auf der Suche nach der für ihn richtigen Kunstform. Die ich-bezogene Irina (Ulrike Arnold), die durch die Schauspielhäuser der Republik tingelt und zwischen Sekt und Endproben weder Zeit noch Verständnis für Kostja übrig hat. Die ehrgeizige Schauspielstudentin Nina (Klara Wördemann), die ihre Follower*innengemeinde mit ständigen News aus ihrem Privatleben versorgt. Der unsympathische Künstler Trigorin (Janning Kahnert), der überwiegend Schwarz-Weiß-Fotos mit (vermeintlich) deepen Bildunterschriften postet. Und Mascha (Jonny Hoff), der mit seinem Vatersein beschäftigt ist und den trotzdem eine dunkle Traurigkeit umgibt.

Grenzen verschwimmen

Zwar wurde die Inszenierung in die Gegenwart übertragen und vieles verändert. Doch wie in Tschechows Original werden die Figuren im Verlauf der Handlung immer einsamer, trauriger und kaputter – „zugrunde gerichtet“ wie die Möwe. In Kostjas Fall sogar depressiv. Nachdem die Beziehung zwischen Trigorin und Nina nach einer Abtreibung in die Brüche gegangen ist, weist Nina Kostja noch immer zurück. In mir krampft sich alles zusammen, wenn ich Kostja durch seine Notizen scrollen sehe. Neben Notizen wie „Einkaufen“ (Zwiebeln) lese ich „Things left unsaid Nina“ und „Things left unsaid Mama“. Und eine Art Abschiedstext, ein grausames Abschließen mit der Welt: „Die Realität verschluckt mich. Ich verliere mich in ihr. Ich komme nicht aus ihr heraus und lebe dennoch an ihr vorbei“. Weiter heißt es: „Meine privilegierte Existenz schadet dem Planeten. Punkt.“

Noch so etwas, was das Kollektiv punktlive gelungen ins Jetzt übertragen hat: Kostjas Scham, privilegiert zu sein und damit keinen Grund für Depressionen zu haben. Ein Gefühl, dass heute sicher viele Menschen teilen, die an dieser Krankheit leiden. Gnadenlos verschiebt Kostja den Abschiedsbrief an die Welt und „Things left unsaid“ in den Papierkorb. Als nächstes hört man Maschas unterdrücktes Schluchzen, während er sich durch die Abschiedsworte an Kostja auf dessen Facebook-Seite klickt. Denn Kostja hat sich umgebracht. Und Mascha hat Kostja geliebt, die ganze Zeit schon. Im Gegensatz zum Original ist Mascha kein liebesblindes Mädchen, sondern ein junger Mann, der sich in seinen besten Freund verliebt hat. Indem hier mit der Heteronormativität des Originals gebrochen wird, gewinnt die Inszenierung, wird authentischer, berührender. Ich kann nicht anders, auch mir schießen die Tränen in die Augen. Und ich frage mich, wann ich das letzte Mal im Theater gesessen und geweint habe.

Nun würde so manche*r kritisch anmerken, das sei ja alles gut und schön, aber – Videosequenzen? Zoom-Calls? Geteilte Bildschirme? Ist das noch Theater? Ja, in diesem Livestream verschwimmen die Grenzen zwischen Film und Theater. Die Ausschnitte aus Trigorins Videotagebuch und die Momente im Frankreich-Urlaub wurden im Vorhinein aufgenommen. Aber die Szenen an den Bildschirmen werden live performt. Das sieht man schon an den vielen aktuellen Bezügen, Stichwort Ukrainekrieg, oder daran, dass man sehen kann, wie man mit dem eigenen Instagramkonto Ninas Live-Video beitritt. Elemente des Theaters und des Films verschmelzen zu etwas Neuem, Aufregendem. Einem Livestream eben, noch dazu einem zum Mitmachen.

Mit großer Sensibilität für die Lebensrealitäten junger Menschen entstaubt das Kollektiv punktlive einen russischen Klassiker und bringt ihn sehr gelungen in eine Pandemie-gerechte Form. Die Schauspieler*innen erwecken die Protagonist*innen zum Leben und aus Tschechows traurigen, von Liebeskummer geplagten literarischen Figuren werden authentische Personen, denen wir wirklich begegnen könnten. Während der Selbstmord Kostjas im Original wie ein schlichter Effekt für mehr Dramatik wirkt – im Ernst, nur weil Nina ihn nicht will?! – verstehe ich in dieser Inszenierung seine Beweggründe und fühle mich bestürzend hilflos. Selten hat mich ein Klassiker so berührt und nachhaltig beschäftigt. Wir brauchen mehr von solchem Theater!

Zur Produktion

Eine Produktion von punktlive und dem Staatstheater Nürnberg

Inszenierung/Regie/Bearbeitung:
Cosmea Spelleken
Dramaturgie, Live-Schnitt: Lotta Schweikert
Technische Konzeption: Leonard Wölfl
Musik: Jonas Rausch
Produktionsleitung: Sofie Anton

Mit Klara Wördemann, Nils Hohenhövel, Jonny Hoff, Ulrike Arnold, Janning Kahnert

Mehr Infos hier

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