Szenen einer gewalttätigen Ehe

Mit seinem Theaterspielfilm „Die Ehe des Herrn Bolwieser“ präsentierte das Landestheater Niederbayern im Bamberger Odeon Kino ein Lehrstück in puncto toxische Beziehung. Basierend auf dem Roman „Bolwieser“ von Oskar Maria Graf erzählen die Regisseure Wolfgang Maria Bauer und Stefan Tilch die Geschichte des frisch verheirateten Xaver Bolwieser. Der genießt das Eheglück mit seiner Frau Hanni in der bayerischen Provinz um 1900, bis die Fassade der heilen Zweisamkeit bröckelt. Denn Hanni beginnt eine Affäre mit einem Schulfreund, dann mit dem Frisör des Ortes. Immer wieder versuchen die Bolwiesers sich gegen das Getratsche der Dorfbewohner*innen zur Wehr zu setzen, was Xaver zu einem Meineid vor Gericht verleitet und ihm wenig später zum Verhängnis wird: Er landet im Gefängnis und kehrt auch nach seiner Entlassung nie wieder heim. Foto: Florian Rödl

Eine Kritik von Jonas Krüger

Inszeniert und aufgezeichnet auf der Bühne des Landshuter Theaterzelts zeigt „Die Ehe des Herrn Bolwieser“ von Beginn an eine ganz eigene Ästhetik: Vor sogenannten Greenscreens gefilmt, vermischen sich Bühne, Requisiten und die Silouetten der Darsteller*innen mit Bildern von Landschaften, Straßenzügen und Fassaden. Manchmal in Holzschnitt-Optik, dann geradezu expressionistisch gezeichnet (Graphik: Aylin Kaip). Die vielen braunen, ockerfarbenen und hellgelben Töne geben den Szenen eine warme und melancholische Grundstimmung. Auch bringt uns die Kamera den Figuren näher als gewohnt. Der Mix aus Spielfilm und Theater ist klar erkennbar, versehen mit einer gehörigen Portion Dialekt.

Bühnenbild, Graphik und Kostüme unterstreichen genau die Stimmung, die auf den ersten Blick dem biedermeierlichen Kitsch eines „Königlich Bayrischen Amtsgerichts“ perfekt entspricht. Zugleich verbirgt sich dahinter die bedrückende und einengende Langeweile der „guten alten Zeit“ in der Provinz. Hier scheinen die Dorfbewohner*innen nur im Tratsch eine Abwechslung vom ewig gleichen Wechsel der Jahres- und Mahlzeiten zu finden, um das eigene fragile Ego zu stärken.

Fragile Egos gibt es beim Ehepaar Bolwieser zweierlei: Xaver, von der Angst getrieben, ein „Pantoffelheld“ zu werden, versucht mit Saufgelagen oder sexueller Gewalt einen starken Mann zu verkörpern. Seine Frau Hanni leidet unter dem gesellschaftlichen Druck, die perfekte Ehefrau mimen zu müssen, kinderlos bleiben zu wollen und lediglich als Accessoire des Herrn Bahnhofvorstands aufzutreten. Auch die Gewalt ihres Mannes droht sie zu erdrücken, doch für diese Situation und ihre Gefühlslage scheint sich keiner der Herren zu interessieren. Es gelingt ihr allerdings sich Freiräume zu schaffen und es erfüllt ihr Leben mit Sinn indem sie bei Männern begehren auslöst. Zwischen Sonntagsbraten und Zwetschgenkuchen gaukelt sie ihrem geradezu treudoof-apathischen Ehemann eine heile Welt vor, um nicht in den gesellschaftlichen Abstieg zu geraten.

Verzweifelte Versuche

Die Bigotterie, dass sich einem Mann ein Seitensprung geradezu aufdrängt, wenn ihm „seine Alte“ zu viel wird, während Polygamie bei einer Frau mit sozialem Stigma verbunden ist, findet sich an zahlreichen Stellen wieder. Sowohl Hanni als auch Xaver sind Produkte ihrer Zeit und in den vorherrschenden Rollenvorstellungen gefangen. Beide versuchen, durch Gewalt und Manipulation die Oberhand in ihrer Beziehung gewinnen und scheitern dabei kläglich. Die Abhängigkeit voneinander nimmt zu, ebenso die Angst, allein und in Einsamkeit zu enden. Bei Xaver äußert sich das in Liebe bis zur Selbstaufgabe, wenn er seiner Gattin zum Schluss nicht mehr von der Pelle rückt. Hanni hingegen verspürt den Drang, modern und jung zu bleiben, um durch körperliche Zuneigung von „ihren“ Männern Bestätigung zu erfahren.

Generell ist der sehr offene Umgang mit Sexualität in all ihren Facetten, wie auch sexueller Gewalt, hervorzuheben. Er beschönigt nicht und entromantisiert das spießbürgerliche Milieu, in dem die Geschichte spielt. Denn die glänzende Oberfläche im Hause Bolwieser ist reichlich angekratzt. Obwohl die Dekonstruktion gelingt, bleibt zu fragen, welchen Mehrwert das Abbilden bloßer Gewalt für die Inszenierung der Geschichte hat. Erbarmungslos richtet sich die Kamera auf die Körper des Schauspielduos. Die durch die Kameraführung erzeugte Nähe, die sonst eine Bereicherung ist, wird hier zur Krux: Sie lässt die Zuschauenden dem Geschehen unangenehm nahe sein. Ging es den Regisseuren um den bloßen Schock? Braucht es derlei Szenen wirklich, um die schließlich auch abseits des Ehebettes konfliktreiche Beziehung abzubilden?

Zum Ende des Films offenbaren sich dann Bolwiesers fatalistische Tendenzen: Er ist ein gebrochener Mann, als er realisiert, dass seine Ehe verloren ist und geht ohne Widerrede ins Zuchthaus. Mangels eigenen Willens wird er hier zum Musterinsassen auf Zeit. „Die Ehe des Herrn Bolwieser“ ist nicht als trauriges Einzelschicksal jener Zeit zu verstehen, sondern steht symptomatisch für das Sozialleben einer ganzen „Generation Beziehungsunfähig“.

Zur Produktion

Eine Produktion vom Landestheater Niederbayern
Ein Film von: Wolfgang Maria Bauer, Stefan Tillich
Ausstattung: Aylin Kaip
Video: Florian Rödl
Musik: Peter Wesenauer
Choreografie: Sunny Prasch

Mit Joachim Vollrath, Katharina Elisabeth Kram, Jochen Decker, Reinhard Peer, Alexander Nadler, Klemens Neuwirth, Julian Niedermeier, Julian Ricker, Ella Schulz, Frank Labus, Olaf Schürmann, Wolfgang Maria Bauer

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