Über das Hin- und Wegsehen

1938 wurde direkt neben dem Konzentrationslager Buchenwald für die KZ-Aufseher und deren Familien ein Zoo gebaut.  In „Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute“ nutzt Jens Raschke diesen Fakt, um den Umgang mit Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit zu thematisieren. Am Sonntagnachmittag war das Jugendstück, inszeniert von Birgit Eckenweber, auf der großen Bühne des ETA Hoffmanns Theater zu sehen.
Wir haben mit dem Schauspieler Niklaus Scheibli, der den „Bär“ spielt, über das Stück und zeitlose Themen wie Zivilcourage und das Hin- und Wegsehen gesprochen. Foto: Redaktion

Ein Interview von Stella Bayer

Redaktion: Hallo Herr Scheibli, wir freuen uns, dass das Interview so spontan geklappt hat. Die zentrale Figur des Stückes ist der Bär, der herausfinden will, was mit dem ehemaligen Zoo-Mitbewohner, dem Nashorn, geschah. Was ist der besondere Reiz an Tierfiguren?

Niklaus Scheibli: Der Autor Jens Reschke hat den Text so geschrieben, dass die Geschehnisse aus der Perspektive der Tiere erzählt werden. Sie nehmen die Situation aus der Distanz wahr: Sie sehen aus ihrem Zoo heraus, wie die Menschen im Konzentrationslager misshandelt und umgebracht werden. Doch die meisten Figuren im Stück ignorieren dies zu ihrem eigenen Wohl. Der Einzige, der das feststellt und auch gerne zur Sprache bringen möchte, ist der Bär.

Redaktion: In der Stückbeschreibung heißt es „Bär oder Pavian?“ Was bedeutet diese Gegenüberstellung und welche Positionen nehmen die beiden Tierfiguren ein?

Niklaus Scheibli: Die Figur „Papa Pavian“ ist eindeutig der Angepasste, der seine Ruhe haben möchte und nicht aufbegehrt. Der Bär ist der „Mühsame“ in dieser Tiergemeinschaft, der das unbequeme und schlimme Thema der Menschenvernichtung anspricht. Niemand will das hören. Das sind die beiden Extreme: Derjenige, der darüber spricht und der, der es verleugnet und ignoriert.

Redaktion: Und welche Botschaft vermittelt für dich persönlich das Stück?

Niklaus Scheibli: Die Botschaft des Stückes ist komplex: Natürlich ermutigt das Stück, den Mund aufzumachen und sich nicht alles gefallen zu lassen. Doch die Konsequenzen für den Bär sind in diesem Stück auf den ersten Blick eher negativ. Sein Aufbegehren führt letztendlich zu seinem Tod. Das heißt, das Stück thematisiert auch, wie Menschen, die Widerstand leisten und die Wahrheit aussprechen, unterdrückt und kontrolliert werden.

Redaktion: Sollte man sich trotzdem trauen?

Niklaus Scheibli: Wir wollen ja nicht belehren, aber natürlich ist das Stück auch ein Appell an Menschen, sich gegen Ungerechtigkeit und gegen die Machthabenden, die ihre Macht ausnutzen, aufzubegehren. Das ist ein sehr wesentlicher Gedanke im Text.

Redaktion: Mit welchem Gefühl sollen die Zuschauer*innen die Vorstellung verlassen? Egal, ob groß oder klein.

Niklaus Scheibli: Im Idealfall soll das Stück die Zuschauer*innen zur Reflexion anregen: Wo kann ich im eigenen Leben vielleicht ansetzen, um anderen Menschen zu helfen? Gerade bei Schüler*innen ist Mobbing immer noch ein großes Thema. Wenn Theater bewirken könnte, dass man mehr für die Opfer und Betroffenen der Gesellschaft einsteht – das ist vielleicht etwas utopisch, aber auch ein großartiger Ansatz! Ein Thema des Stückes ist zudem das Mitläufertum. An der Bequemlichkeit der Menschen Kritik auszuüben, erachte ich als sehr wichtig. Man hat seine eigene Realität und möchte diese und sein Leben geschützt wissen. Leider ist dieser Schutzmechanismus aber auch sehr natürlich und teilweise auch verständlich.

Redaktion: Letzte und kurze Frage: Was passiert mit dem Bären auf seiner Suche? Und findet er heraus, was mit dem Nashorn geschah?

Niklaus Scheibli: Das Stück hat ein sehr offenes Ende und damit auch einen sehr individuell interpretierbaren Schluss. Der Bär klettert letztendlich den großen Schornstein des Krematoriums, der eine zentrale Rolle im Stück spielt, hoch und kommt dort leider auch um. Aber was er genau wollte, das lassen wir sehr offen. Das ist der Interpretation der Zuschauer*innen überlassen.

Redaktion: Vielen Dank Niklaus Scheibli für das Interview. Wir sind gespannt auf die Aufführung am Nachmittag.

Zur Produktion

Eine Produktion vom Landestheater Coburg

Regie: Birgit Eckenweber
Bühne und Kostüme: Kristina Böcher
Lichtregie: Klaus Bröck
Dramaturgie: Fabian Appelshäuser
Theaterpädagogik: Christin Schmidt  

Mit Kerstin Hänel, Stephan Mertl, Niklaus Scheibli, Lean Fargl

Mehr Infos hier

Zurück