Raus aus der Welt, hin zu sich selbst?

Eingesperrt von einer unsichtbaren Wand und scheinbar abgeschottet von der Außenwelt versucht sich eine Frau in ihrer neuen Realität zurechtzufinden. “Die Wand” von Marlen Haushofer bekam durch die Pandemie eine neue Aktualität, das kleine theater Kammerspiele Landshut zeigt den Kultroman in einer Fassung von Dorothee Hartinger, inszeniert von Sven Grunert. Fotos: Gianmarco Bresadola

Eine Kritik von Lisa Maßholder

Ein Haus aus schwarzen Gittern inmitten der Bühne. Darin sitzt die namenlose Protagonistin (Julia Koschitz) auf einem Hocker. Den Kopf nach unten gebeugt, bekleidet mit einem Shirt und kurzer Hose. Kaum geht das Licht aus, hebt sie den Kopf und beginnt ihren Monolog.

Nach einem Ausflug in die Natur steckt die Protagonistin in einer neuen, unwirklichen Welt fest. Die alte Welt, die durch die Wand sichtbar ist, scheint leblos zu sein, die Menschen erstarrt. Was ist passiert, warum ist da plötzliche diese Wand? Ist sie Ausdruck eines Unglücks, das alles zu ändern scheint? Eine kleine Kamera direkt vor ihrer Nase filmt die Protagonistin unentwegt. Die Aufzeichnungen erscheinen auf einem Fernsehgerät, links auf der Bühne. Soll das als Beweis eines Experiments dienen oder ein Zeugnis für die Nachwelt sein?

Auf einer Leinwand im Bühnenhintergrund sind Aufnahmen von Wiesengräsern zu sehen, die sich langsam im Wind bewegen und an die umherschweifenden Gedanken der Protagonistin erinnern. Nach und nach versucht sie sich in ihrer neuen Welt einzurichten. Anfangs macht ihr dieser Zustand Angst. Um der Angst und Einsamkeit zu entfliehen, bringt sie ihre Gedanken zu Papier, verfasst Berichte. Überall verstreut liegen sie in ihrem Käfig herum. Obwohl wenig körperliche Bewegung zu sehen ist, ist der Raum wie aufgeladen. Durch ihre Körperspannung wird der innere Kampf der Protagonistin sichtbar, ja spürbar. Im Zusammenspiel mit ihrer Stimme, die mal leise und zögerlich, dann laut und energiegeladen ist, gelingt es ihr, die Spannung im Publikum während des 80-minütigen Monologs aufrecht zu erhalten.

Die angsteinflößende Präsenz der Wand ist immer spürbar. Trotzdem gelingt es der Protagonistin, sich im Alltag daran zu gewöhnen. Tiere treten in ihr Leben, erheitern und beschäftigen sie. So bleibt ihre Hoffnung, aus dieser fremden Welt befreit zu werden, erhalten. Aber auch etwas Positives scheint sie der Wand abgewinnen zu können: Sie bemerkt eine Veränderung in ihrer eigenen Wahrnehmung, spürt plötzlich ihre Umwelt. Etwas, was ihr früher verwehrt war, weil ihr Zeit und Ruhe fehlten. Sie scheint die Schönheit der Natur zu entdecken, den Geruch von Gras, das Geräusch des Regens oder das Verhalten der Tiere. Durch den sanften, fast zärtlichen Klang ihrer Stimme wird diese Veränderung hörbar. Auch die Frage nach der Zeit beginnt sie zu beschäftigen: Was tun wir, wenn wir allein sind und niemanden haben, mit dem wir uns austauschen können? Lernen wir die Welt mit anderen Augen zu ergründen? Oder haben wir das durch knapp bemessene Zeit und Reizüberflutung verlernt?

Diese Gedanken eröffnen Perspektiven, richten sich in die Zukunft. Dadurch verblasst die Angst vor der Wand und es entsteht eine neue Normalität. Langsam scheint die Anspannung von ihr zu weichen und eine Auseinandersetzung mit ihrem Innersten möglich zu sein. Doch dieser Zustand währt nicht lange, denn die reine Beschäftigung mit sich selbst, scheint ihr problematisch. Es kommt zu einem emotionalen Ausbruch und der innere Kampf geht weiter. Kaum kann sie ihre Gedanken zulassen, muss weiter und weiter schreiben. Doch für wen? Und was ist wenn kein Blatt mehr übrig bleibt? Mit diesen Fragen nach dem Sinn werden wir in die Nacht entlassen. Es wird dunkel, Musik erklingt. Sie dreht sich um, nur noch Umrisse sind von ihr zu erkennen. Eine Abkehr vom Leben?

Sven Grunerts Inszenierung nimmt uns mit in die einsame Welt der Protagonistin und auf ihre Reise zu sich selbst. Was würden wir an ihrer Stelle tun? Transportiert die Wand die Abkehr von einer Welt, die immer unübersichtlicher zu werden scheint? Fragen, die in unserer globalisierten und schnelllebigen Welt aktueller nicht sein könnten. Oft vergessen wir bei all dem Tempo, unseren Blick aufs Wesentliche zu richten. Vielleicht kann eine Konzentration auf die Natur und das eigene Ich dabei helfen? Am Ende dieser atemlosen Reise langanhaltender Applaus und stehende Ovationen für Julia Koschitz.

Zur Produktion

Eine Produktion von kleines theater KAMMERSPIELE Landshut

Text: von Marlen Haushofer in einer Fassung von Dorothee Hartinger
Regie:
Sven Grunert
Bühne: Helmut Stürmer
Kostüme: Irina Kollek
Dramaturgie: Ganna Madiar
Licht: Michele Lupi
Musik-/Sounddesign: Philipp Degünther
Requisite: Jasmin Gran
Regieassistenz: Maria Wimmer, Maximilian Kellner

Mit Julia Koschitz

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