Raus aus den Strukturen!

Schrill, laut und mit ordentlich Spaß bringt der 3. Schauspieljahrgang der Otto-Falkenberg-Schule aus München im ETA Hoffmann Theater eine theatrale Bearbeitung von Fassbinders Film „Die dritte Generation“ auf die Bühne. Dabei stellen die Absolvent*innen die Strukturen unseres Zusammenlebens gehörig auf den Kopf. Fotos: Emma Szabo

Eine Kritik von Luisa Mückstein

Alle zehn Schauspieler*innen des 3. Jahrgangs stehen auf der Bühne. Kein Licht. Nur neon-pink leuchtende Augenbrauen. Die Choreografie erinnert an Michael Jacksons Musikvideo zu “Thriller”: schnelle, rhythmische Bewegungen, dazu angestrengtes Stöhnen und lautes Atmen. Das Licht geht aus, der Chorus von “Thriller” erklingt, das Publikum applaudiert. Vorbei ist ein Abend, dessen knallige Bilder im Kopf bleiben. Die Inszenierung von Charlotte Sprenger spielt mit dekonstruierenden und komischen Elementen, übt sich im totalen Chaos.

Schon der erste Blick aufs Bühnenbild von Aleksandra Pavlović macht deutlich: hier geht´s um Generation Z. Hellblauer Boden, hellblaue Vorhänge an den Bühnenseiten. Im Hintergrund prangt ein Bild von Billy Eilish mit dunkelblauen Haaren und traurigem Blick, wahrscheinlich mit Akryl gemalt. Drei weiße, dicke Matratzen füllen die Bühne, darauf liegen große goldene Blumen aus Samt.

In der ersten Hälfte erinnern die Schauspieler*innen an eine Gruppe Jugendlicher. Einheitlich gekleidet in hellbraune, knielange Hosen und gleichfarbige T-Shirts mit glitzerndem Ufo darauf. Abwechselnd, bruchstückhaft erzählen sie von ihren Geschichten und Problemen. Susanne, die zwei Brüder gleichzeitig liebt, Petra, die von ihrem Ehemann geschlagen wird, Ilse, der drogenabhängig ist und den eigentlich niemand mehr dabei haben möchte.

Verwirrung ist das Stichwort dieser Inszenierung. Handlung und Logik rücken in den Hintergrund. Mit ihren ausladenden Bewegungen, überzeichneten Gesten und ihrem affektierten Sprechen wirkt die Szene wie aus einer anderen Welt. Paul taucht auf. Er, der anscheinend schon von allen erwartet wurde, wird nun Teil der Gruppe. Und nimmt sich was er möchte: Hilde. Aus einer Vergewaltigung wird durch Überzeichnung der Bewegungen ein fast lächerlicher Moment. Immer wieder lautes Lachen im Publikum. Eigentlich poetische, gesellschaftskritische Überlegungen werden mit einer Kinderstimme imitiert. Musik unterbricht die Dialoge und endet dann wieder abrupt. Das was hier auf der Bühne zu sehen ist, ist kaum zu greifen. Die bruchstückhaften Szenen machen es schwer, zu folgen.

Billy Eilish weint. Blut rinnt aus ihren Augen und tropft auf den Boden. Eine*r der Schauspieler*innen versucht das Blut aufzuwischen und verwischt es doch nur. Und wir scheinen in einer neuen Welt zu sein, jetzt tragen die Schauspieler*innen bunte, unterschiedliche Klamotten im Stil der 1970er Jahre und andere Namen.

Plötzlich eine Hausdurchsuchung. Ein Polizist stürmt herein, schießt um sich, das Licht flackert im Rhythmus der Kugeln. Nur ein Baby und Bernhard, der nie in die Gruppe aufgenommen wurde, überleben. Die Problematik von Polizeigewalt spitzt sich in einem Dialog zwischen Bernhard und dem Beamten zu. Jetzt wird ganz tief in die Effekte-Kiste gegriffen: Mit einem Laubbläser werden die Protagonist*innen an die Seitenwände „gepustet“, die Vorhänge werden abgerissen, eine Nebelmaschine kommt zum Einsatz, laute Musik, Stimmen aus dem Off. Geht es hier ums totale Chaos? Oder um das, was passiert, wenn wir versuchen aus den bestehenden Strukturen unserer Gesellschaft auszubrechen?

Die Schauspieler*innen zeigen, dass sie lieben, was sie hier tun. Eine Begeisterung, die ansteckt und fast schwindelig macht. Nach knapp zwei Stunden ist die Vorstellung zu Ende, langer Applaus für die Schauspielabsolvent*innen der Münchner Talentschmiede. Schrill, mit viel Humor und einer guten Portion Durcheinander hinterfragt diese Inszenierung die Strukturen unseres Zusammenlebens und stellt sie gehörig auf den Kopf.

Zur Produktion

Eine Produktion der Otto Falckenberg Schule (München)

Regie: Charlotte Sprenger
Bühne/Kostüme: Aleksandra Pavlović
Musik: Jonas Landerschier
Licht: Stephan Mariani
Dramaturgie: Olivia Ebert
Ton: Thomas Schlienger
Technik/Requisite: Maxi Blässing, Friedo Günther, Leo Alrang

Mit Nellie Fischer-Benson, Arina Toni, Alvaro Rentz, Mia Maria Müller, Florian Voigt, Cornelius Kiene, Nils Thalmann, Joshua Kliefert, Isabell Antonia Höcker, Sammy Scheuritzel, Anna Gesa-Raija Lappe

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