Raum der sozialen Ungleichheit

Reglementierung und Elitarismus bestimmen den Alltag eines Kurbades, bis der Bademeister eine Revolution auslöst und eine Gleichbehandlung aller Badebesucher*innen fordert. “Der thermale Widerstand”, eine Inszenierung von Katja Wachter, nimmt Themen wie Überfluss, Selbstoptimierung und Neoliberalismus in den Blick. Foto: Jean-Marc Turmes

Eine Kritik von Lisa Maßholder

Laute Musik ertönt: Im Nebel schreiten die Besucher*innen des Kurbades auf die Bühne. Es sind die “wahren” Kurgäste,  eine elitäre Gruppe, die sich von den “gewöhnlichen” Tagesgästen des Kurortes abheben. Denn sie streben nach der puren Wohlfühloase: dem Kurolymp, ein Ort der Heilung, Optimierung und Kultivierung. Doch der neue Bademeister Hannes geht in den Widerstand. Denn im Kurbad soll es Platz für alle geben!  

“der thermale Widerstand” ist ein von Wasser- und Bademetaphorik durchdrungener Text von Ferdinand Schmalz, der die Körperlichkeit des Widerstands erforscht. Dabei verortet der Autor Themen wie Klassismus und Ausschluss im Wellness- und Erholungssetting. Das Kurbad als Metapher für soziale Ungerechtigkeit wird zum Ausgangspunkt, um gesellschaftliche Fragen zu verhandeln wie “Wer hat das Recht auf Erholung und Selbstentfaltung?”

Einige Teile des Bühnenbildes erinnern an eine Umkleidekabine in einem Schwimmbad: An den Bühnenseiten, links und rechts, sind zahlreiche, weiße Spinde aufgestellt. Eine erhöhte Plattform im hinteren Bereich des Bühnenraumes stellt nicht nur den Bademeister sein Aussichtsturm dar, sondern wird auch gekonnt in das Spiel auf der Bühne integriert: Die klettern die Schauspieler*innen rauf und wieder runter und halten inbrünstig ihre Monologe. Im Hintergrund sind auf einer Leinwand Bilder eines luxuriösen Thermalbades projiziert, welche die Atmosphäre der Wellnessoase nochmals mehr unterstreichen.

Handlungspassagen, Beziehungskonstellationen und Konflikte, werden in Wachters Inszenierung immer wieder von aufwendigen Choreographien und tänzerischen Elementen begleitet. So werden Momente des gemeinsamen Entspannens und ausgedehnte Massageeinheiten mit vielfältigen choreographischen Einlagen zum Ausdruck gebracht. Romantische Annäherungen werden mittels Tangotanz erzählt und die Aufstände der Thermenbesucher*innen münden in Bewegungselementen, die an brasilianischen Kampftanz erinnern.

Doch das Kurbad zu einem gleichberechtigten Ort der Gemeinschaft zu machen, findet keinen Widerhall. Um der Auseinandersetzung mit der Kurleitung zu entfliehen, taucht der Bademeister unter. Diese greift zu radikalen Maßnahmen und flutet das gesamte Bad ohne Rücksicht auf das Wohlbefinden der Kurgäste. Was wird nun aus dem Kurbad? Überlebt die Überflutung und führt es zu einer Umgestaltung des von Ausschluss geprägten Raumes?

Der Abend zeigt einen spannenden Zugang zu Ferdinand Schmalz Stück. Insbesondere die körperliche Leistung der Schauspieler*innen ist dabei sehr beeindruckend. Katja Wachter und die Studierenden der Theaterakademie August Everding schaffen es, große Thema wie Kapitalismus und soziale Ungleichheit auf humorvolle Weise im Rahmen einer 90-minütigen Inszenierung zu verhandeln.

Zur Produktion

Eine Produktion der Theaterakademie August Everding

Inszenierung/Choreographie/ Bühne: Katja Wachter
Dramaturgie: Elisa von Issendorff
Musik: Hardy Punzel
Video: Jan Wachter

Mit Beritan Balci, Rabea Egg, Paulina Hobratschk, Jonathan Parr, Elisa Pirone, Tim Richter, Stefan Siebert, Elena Siewert, Patrice Griessmeier

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