Paula, du bist gut so wie du bist!

Das Theater Mummpitz aus Nürnberg zeigt „Paula und die Leichtigkeit des Seins“ nach dem gleichnamigen Kinderbuch von Zoran Drvenkar. In der Regie von Andrea Maria Erl wird Paula als Puppe lebendig, es geht um Einsamkeit und unsere Unterschiedlichkeit. Fotos: Thomas Riese

Eine Kritik von Stella Bayer

„Paula ist zu dick“. So wird die Inszenierung über die achtjährige Paula eröffnet, die immer schwerer wird. Ihr Übergewicht wird zum Ausgangspunkt des Stücks, denn Paula fühlt sich durch den Vergleich mit anderen als Außenseiterin. Ihre acht Geschwister sind alle leichter als sie, für Papa und Mama ist sie nur noch „unser Moppelchen“ und in die Luft heben möchte sie auch keiner mehr. Glücklicherweise kommt Onkel Hiram aus Australien zu Besuch, den ihr Äußeres gar nicht stört. Anders als die anderen Familienmitglieder, wirft Hiram sie in die Luft und Paula ist endlich ganz leicht. So leicht, dass sie gar nicht mehr auf den Boden kommt und ab sofort in der Luft schwebt. Als sie aber beginnt, sich dort oben einsam zu fühlen, bekommt Paula Besuch von Gunnar aus Schweden, den sie zu sich holt, hinein in die Leichtigkeit des Seins. Nach und nach folgen ihnen immer mehr Kinder. Sie sind zusammen glücklich, unbelastet und schwerelos.

Gleich zu Beginn nimmt uns Sabine Zieser mit hinein in die Geschichte der kleinen Paula, erzählt uns von ihren Sorgen. Plötzlich kriecht eine kleine rundliche Stoffpuppe aus der Schublade eines Holztisches. Von nun an ist Zieser nicht mehr nur Erzählerin, sondern auch Begleiterin, Stimme und Puppenspielerin Paulas. Auch Özgür Kantar und Ferdinand Roscher wenden sich als Erzähler*innen an das Publikum oder als Verwandte und Familie an Paula. Ferdinand Roscher wird zu Onkel Hiram aus Australien.

Özgür Kantar begleitet das Geschehen an der Gitarre, Ferdinand Roscher am Kontrabass und Sabine Zieser mit der Klarinette. Mit ihren Instrumenten und Liedern unterstreichen sie das Geschehen und treffen mitten ins Herz. Situationen werden mit Tönen angedeutet und mit Bewegungen verdeutlicht. Zum Beispiel wenn Paula beweist, dass sie genauso gut im Kirschkernspucken ist, wie früher. Egal wie schwer sie ist. Sabine Zieser platziert sich samt Puppe und Klarinette auf einem Tisch am linken Bühnenrand. Sie lässt den Kirschkern mit einem kurzen, knackigen Ton der Klarinette in die Luft fliegen, Özgür Kantar in der Mitte der Bühne verfolgt mit den Augen und einem Pfeifen, wie der Kern im hohen Bogen durch die Luft auf die andere Seite segelt, und er mit einem Ploppen der tiefsten Kontrabassseite bei Ferdinand Roscher am rechten Bühnenrand landet. Das gelingt so gut, dass man fast meint, wirklich Kirschkerne durch die Luft fliegen zu sehen.

In ihren Kostümen (Carlotta Weiß) erinnern die Darsteller*innen dabei an die Bremer Stadtmusikanten. Mit gestreiften Hosen voller bunter Flicken, karierten Hemden, langen Haaren und Bärten und dem schwarzen Melonenhut von Sabine Zieser. Die Bühne ist minimalistisch eingerichtet. Mit Tischen, Stühlen, Hockern und Schubladen werden Treppen, Türme und Gebäude gebaut. Alles, was die Fantasie hergibt. Die Kinder, die später zu Paula in den Himmel schweben, tauchen als Luftballons aus Schubladen und Kisten auf.

Die Botschaft ist klar: Es gilt Menschen zu finden, die einen so akzeptieren und lieben, wie man ist. Denn erst als Paula auf Hiram und die anderen Kinder trifft, kann sie ihre Selbstzweifel und Traurigkeit überwinden. Schade ist, dass das gesellschaftliche Schönheitsideal an keiner Stelle als fehlerhaft konnotiert, geschweige denn aufgelöst wird. Es wird unkommentiert stehen gelassen. Auch der Umgang mit unserer Unterschiedlichkeit lässt zu wünschen übrig. Paula ist zu dick, Gunnar ist noch dicker, Milena meldet sich nie, Fritz wäre lieber Frieda und Ahmed wird von niemandem verstanden. Das soziale Umfeld der Kinder scheint damit nicht umgehen zu können. Deshalb holt Paula sie zu sich in die Leichtigkeit des Seins. Was eine traurige Nachricht: für diese Kinder ist auf unserer Welt kein Platz, sie müssen sich als Randgruppe außerhalb der Gesellschaft verorten.

Die Inszenierung bringt das Publikum, ob jung oder alt, immer wieder zum Lachen und Strahlen. Paulas Geschichte regt die Fantasie an und erinnert an ein Märchen. Doch ein deutliches Plädoyer für Akzeptanz, Toleranz und Selbstliebe leistet dieser Abend leider nicht.

Aufgrund eines Krankheitsfalls musste die Vorstellung von „Der Dreigroschenopa" des Theaters Mummpitz bei den Bayerischen Theatertagen ausfallen. Ersatzweise wurde die Produktion „Paula und die Leichtigkeit des Seins" nach Bamberg eingeladen.

Zur Produktion

Eine Produktion vom Theater Mummpitz (Nürnberg) in Kooperation mit dem Staatstheater Nürnberg

Regie: Andrea Maria Erl
Bühnenbild: Maria Pfeiffer
Kostüme: André Schreiber
Komposition: Özgür Kantar
Puppenbau: Dorothee Löffler
Lichtdesign: Gabriela Wieczorek
Regieassistenz: Johanna Braun
Bühnenbildassistenz: Karoline Krämer

Mit Ferdinand Roscher, Özgür Kantar, Sabine Zieser

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