“Oh meine Göttin!” Eine Umkehrung der Geschlechterordnung

Pfefferspray gibt’s im Drogeriemarkt direkt an der Kasse, Männer laden angeblich mit engen Hosen zum Griff an den Penis ein und Frauen füttern als Besserverdienerinnen Vater und Kind durch. Maja Zades „Status Quo“, inszeniert von Jasmin Sarah Zamini am Theater Hof, entwirft eine Gesellschaft, in der binäre Geschlechterrollen radikal umgekehrt sind und zeigt damit die Absurdität des Machtgefüges zwischen Frau und Mann auf. Foto: H. Dietz

Eine Kritik von Leonard Bürger

Im Zentrum des collagenartigen Stückes steht Florian (Benjamin Muth) – oder vielmehr Flo, wie er konsequent gerufen wird – ein junger, attraktiver Mann Ende zwanzig und Berufsanfänger. Flo ist keine konkrete Figur, sondern vielmehr ein Typus: Drei verschiedene Handlungsstränge ermöglichen vielfältige Einblicke in allbekannte von Sexismus geprägte Szenen aus dem Alltags- und Berufsleben. Dass Mann und Frau gewiss nicht auf einer Ebene stehen, unterstreicht das Bühnenbild von Franziska Insensee: Die anderen Darsteller*innen, die ebenso je nach Szene ihre Rollen wechseln, bauen sich hinter Flo auf großen schwarzen Kästen auf und blicken auf ihn herab. Unten steht der macht- und wehrlose Mann.

Was lustig klingt – und auch an vielen Stellen des Stücks für Lacher sorgt – ist ernstgemeinte Gesellschaftskritik. Denn „Status Quo“ zeigt die wirkliche Lebensrealität von Frauen, nur eben in der Umkehrperspektive. Die Männer in Zaminis Inszenierung sind unterwürfige Sexobjekte, sollen lieb und still sein, nicht zu sexy aber auch nicht zu hässlich, sind hysterische Psychos, viel zu emotional und weinen – ja, das ist typisch männlich. Frauen hingegen sagen wo’s lang geht. Sie regieren die Chefetage und haben auch zuhause die Hosen an. So wird Florian beispielsweise beim Bewerbungsgespräch im Drogeriemarkt mit Fragen zu Kinderwunsch und Familie durchlöchert und von Chefin und Kolleginnen auf sein attraktives Aussehen reduziert. Denn „frau“ soll ja auch was zum schauen haben. Auch im Theater sieht es nicht anders aus, wo Florians schauspielerisches Talent verglichen zu seinem Aussehen eher Nebensache ist. Er soll nackt spielen, um beruflich weiterzukommen, wird dafür gleichzeitig aber scharf von seinem männlichen Kollegen kritisiert und als billig verurteilt. Im Marklerinnenbüro darf Mann Kaffee kochen, die Meetings protokollieren und muss die Klappe halten, wenn die Kolleginnen etwas zu sagen haben.

Die Inszenierung blickt aber nicht nur auf die Arbeitswelt, sondern hinterfragt auch das patriachal geprägte Privat- und Beziehungsleben. In “Status Quo” ist das wahre Reich des Mannes der Haushalt. Väter wickeln die Kinder, shoppen Krimskrams bei Tchibo und wenn es doch mal zu stressig wird, lesen sie die Apothekenrundschau. Die Frauen verdienen die Kohle. Doch auch wenn Mann arbeitet, soll er doch bitte wenigstens kochen und putzen. Oder ist das zu viel verlangt? Die Darsteller*innen eignen sich in ihrem Spiel verschiedene machöse, männliche Verhaltensmuster an, womit stereotype Geschlechterbilder karikiert werden. Sie verkörpern eine „Macho“-Frau, ein (vermeintliches) Soft-Girl und eine triebgesteuerte Theatermacherin, die jede Gelegenheit für Seitensprünge ausnutzt.

Mit viel Witz und Komik entlarvt “Status Quo” konstruierte Geschlechterverhältnisse unserer Gesellschaft: Vermittelt wird das durch die stetige Verwendung des generischen Femininums à la „Das darf frau doch gar nicht“ . Begriffe wie „Krankenbruder“ und „die erste männliche Präsidentin“ brechen mit Hörgewohnheiten und stellen heraus, wie männlich geprägt unsere Sprache ist. Weniger witzig wird es, als die Chefin des Drogeriemarkts Florian zum Ausziehen drängt, um ihn von oben herab mit einer weißen, dickflüssigen Lotion zu bespritzen. Eine befremdliche und dennoch wichtige Szene zugleich, die an Debatten wie MeToo anknüpft und im späteren Verlauf des Stückes deutlich macht, mit wie viel Scham sexuelle Übergriffigkeit für Betroffene verbunden sind.

Die verschiedenen Handlungsstränge werden immer wieder durch Einschübe unterbrochen:  Eingeleitet durch ein Klingelgeräusch fallen die Darsteller*innen aus der Rolle, um allgemeine Fakten über das geschlechtliche Machtgefüge in der gezeigten Welt preiszugeben. Diese wirken jedoch oft etwas plump, manchmal belehrend und tragen nicht wirklich zu dem, was auf der Bühne gezeigt wird, bei. Anders verhält es sich jedoch mit dem Soundtrack der Inszenierung: Wenn Ariana Grande, Billie Eilish und Lizzo ertönen, macht das nicht nur Laune, sondern untermauert nochmals mehr die Machtposition der Frauen. Denn nicht zufällig besteht die Trackliste aus Titeln von den erfolgreichsten Frauen der Musikbranche.

„Status Quo“ ist zugleich komisch, grotesk und bedrückend. Es führt uns den Irrsinn der gegebenen Geschlechterhierarchie vor die Augen und regt zum Nachdenken an, wenngleich die behandelte Problematik den meisten geläufig ist. Fraglich bleibt, ob die Umkehrung so funktioniert. Reicht es aus die gewaltvollen Verhältnisse darzulegen, oder brauchen wir vielmehr eine utopische Alternative, die stereotype und binäre Geschlechterrollen hinter sich lässt?

Zur Produktion

eine Produktion vom Theater Hof

Regie: Jasmin Sarah Zamani
Bühne und Kostüm:
Franziska Isensee
Dramaturgie:
Thomas Schindler
Licht: Uwe Masch
Musik-/Sounddesign: Dr. Kalin Karaleev
Regieassistenz, Soufflee und Abendspielleitung: Kayda Bryant

mit Benjamin Muth, Philipp Brammer, Cornelia Löß, Antje Hochholdinger, Susanna Mucha

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