Krieg ist kein Einzelschicksal

Bei der Solidaritätsveranstaltung „Vom Krieg“ wurden Texte ukrainischer Dramatiker*innen gelesen. Sie erzählen von Gedanken und Gefühlen, Fragen und Sorgen zur Invasion durch Russland. Kuriert wurde die Lesung von Anastasiia Kosodii und Mehdi Moradpour, gelesen wurde auf Ukrainisch und Deutsch. Foto: Anette Jones

Eine Reportage von Janina Müller

„Warum ist Krieg, Mama?“ Das ukrainische „мама“, das eigentliche einen kraftvollen Klang transportiert, ist nur noch ein leiser Hauch. Dennoch hallt es immer wieder nach, brennt sich ein in die eigenen Gedanken, schwirrt dort umher und verschwindet nicht mehr. Die Frage trifft und hinterlässt Stille, weil es darauf keine Antwort gibt. Sie ist Teil einer konkreten Erfahrung und stammt aus einem Text der Dramatikerin Natalia Blok. Dennoch ist sie so universal, dass alle im Raum davon berührt werden: jene, die den Krieg selbst miterlebt haben, aber auch jene, die den Krieg nur aus den Medien kennen. Wir alle fühlen in diesem Moment den Schmerz, die Trauer und die Ratlosigkeit aber auch den Drang, etwas verstehen zu wollen. Wir nehmen dann ein typische Denker*innenhaltung ein: die Hand wird an das Kinn geführt, Zeigefinger und Daumen gespreizt, den Arm auf dem Bein oder der anderen Hand abgestützt. Wir stieren dann mit angestrengtem Blick durch die Gegend, ohne das erblicken zu können, was wir suchen. Einen Sinn.

Vorne auf der Bühne sitzen die Dramaturgin Anastasiia Kosodii, Schauspieler*innen des Ensembles des E.T.A-Hoffmann-Theaters und die Schauspielerinnen Alina Kostiukova und Anastasia Renardund. Sie sprechen diese ergreifenden Worte aus. Damit schlagen sie eine Brücke zur Erlebniswelt verschiedener ukrainischen Dramatiker*innen, die in ihren Texten den Alltag während der russischen Invasion sowie die Auswirkungen des Krieges auf den Menschen schildern.

Hass, Kategorien-Denken, Nicht-Verstehen

„Es wirkt fast wie ein nationaler Wettbewerb: Argumentiere, warum gerade du am wenigsten von allen vergeben wirst.“, heißt es im Text von Oles Barleeg. Vergebung. Ein schwieriges Wort. Ein Wort, bei dem man sich durchaus die Frage stellt, inwiefern es in dieser Situation noch Legitimität besitzt. Es zeigt aber auch, wie die Kriegssituation unser Denken und Handeln über Grenzen und Solidarität verändern kann. Plötzlich wird in Kategorien gedacht, welche Menschen in Gruppen teilt: Die Ukrainer*innen und die Russ*innen. Denn Nationalität definiert, wer Freund*in und wer Feind*in ist. Der Text von Lena Ljagushonkova verweist auf wichtige Fragen, wie z.B. die der Verteilung, also wer Hilfeleistungen empfangen darf und wer in Not aufgenommen wird oder nicht: „Ein aufgenommener Russe ist ein nicht aufgenommener Ukrainer“. Die Frage, ob man ein verlassenes Kätzchen retten sollte, wenn die Gefahr besteht, auf der Straße erschossen zu werden, stellt den absurden Alltag des Krieges heraus. Denn das einzige Ziel der von Krieg betroffenen Menschen ist das Überleben. Das Resultat solcher Debatten ist oft ein Nicht-Verstehen-Können.

Verdrängung

Neben einem fehlenden Verstehen zeichnet sich in den Texten auch eine gewisse Verdrängung ab. Es ist ein Festkrallen an den Dingen, die nicht mehr sind. Dies verhandelt etwa Ljagushonkovas Text, der Einblicke in alltägliche Szenen gibt: Während der Bombardierung will man eine Suppe in den Kühlschrank stellen und auch wenn das Drumherum keine Intimität mehr zulässt, möchte man sich sexueller Aktivitäten hingeben. Das Liebesspiel, welches Natalka Vorozhbyt in ihrem Text beschreibt, wirkt zwanghaft und mechanisch. Auf die Frage: „Was ist denn bei dir los?“ wird immer mit einem „Achte nicht drauf“ geantwortet. Die Texte thematisieren das bewusste Ignorieren. Es wirkt, als sei die Verdrängung eine Überlebensstrategie, denn das Zulassen von Schmerz und Verzweiflung muss man sich erstmal leisten können, wie der Text von Andrii Bondarenko eindrücklich vermittelt: Solche Gefühle „können nur in einer ruhigen und friedlichen Umgebung vorgetragen werden.“

Was Kunst bewirken kann

Im großen Saal des E.T.A.-Hoffmann-Theaters, ein friedlicher und sicherer Ort, lesen die Schauspieler*innen die letzten Worte. Es wird dunkel im Raum. Er ist gefüllt mit Emotionen und es herrscht eine bedrückende und nachdenkliche Stimmung. Dann folgt ein zögerliches Klatschen, welches sich langsam, aber sicher zu einem Applaus entwickelt. Die anfängliche Hemmung, das Gefühl der Distanz, des Nichtzulassenkönnens der Emotionen, wird überwunden.  Die Lesung ist ein Versuch, die auferlegte Distanz und Sprachlosigkeit, die uns alle beherrscht, zu durchbrechen. Sie ermöglicht Begegnung. Die Schilderung von Gedanken und Emotionen zum Krieg, flankiert von entmenschlichenden Ereignissen, die durch die Kriegssituation entstehen, schafft wieder einen Zugang zur Menschlichkeit. Die Kunst spielt hier eine wichtige Rolle: Denn anders als z.B. die Wissenschaft hat sie nicht das Ziel, alles rational zu verstehen und einzuordnen. Dies ist bei solchen Absurditäten wie Kriegsführung auch nicht in seiner Gänze möglich. Stattdessen kann Kunst dafür sorgen, dass Menschen mit verschiedenen Lebensrealitäten zusammenkommen und sich in ihrer Gefühlswelt begegnen. Die Zuschauer*innen haben nach der Lesung die Möglichkeit, mit den Lesenden in den Austausch zu treten. Die unsichtbare Trennlinie zwischen Zuschauer*innenraum im Saal und Künstler*innen auf der Bühne, zwischen jenen die den Krieg von außen beobachten und jenen, die mittendrin waren, wird nun vollends aufgehoben. Später im Foyer erzählt uns eine der Schauspieler*innen, dass es wichtig sei, Akzente zu setzen! Der Krieg darf niemals zur Normalität werden.

Genau diese Akzente konnte die Lesung mit den verschiedenen Texten, die vielfältige Alltagsausschnitte von Menschen während einer Kriegszeit porträtieren, setzen.

Zur Produktion

Eine Zusammenarbeit zwischen Münchner Kammerspielen, Birkbeck - University of London, Kyiver Theatre of Playwrights, Literarischem Colloquium Berlin, Maxim Gorki Theater Berlin, Nationaltheater Mannheim, Neuem Institut für dramatisches Schreiben: NIDS, Royal Court Theatre, Schauspielhaus Wien, Staatstheater Hannover.

Text: Oles Barleeg, Natalia Block, Andrii Bondarenko, Anastasiia Kosodii, Lena Ljagushonkova, Olha Matsyupa, Oksana Savchenko, Natalia Vorzhb
Übersetzung: Lydia Nagel
Auswahl und Dramaturgie: Anastasiia Kosodii und Mehdi Moradpour
Grafik: Nikolay Karabinovych

mit Anastasiia Kosodii, Alina Kostiukova, Anastasia Renard, Katharina Brenner, Clara Kroneck, Ansgar Sauren

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