Im verlassenen Theater mit Sean Connery

Das Staatstheater Augsburg ist gleich zweimal zu den Bayerischen Theatertagen eingeladen, zeigt „14 Vorhänge“ und „Oleanna – ein Machtspiel“. Im Gewölbe des ETA Hoffmann Theaters entführen sie uns beide in die virtuelle Realität. Das Transportmittel: Große Brillen mit eingebauten Bildschirmen und ein Set Kopfhörer. Inszeniert von André Brückner zeigt „14 Vorhänge“ einen Monolog des deutschen Schriftstellers Einar Schleef, gespielt von Klaus Müller. Der alternde Protagonist, von mehreren Leiden gezeichnet, wandelt durch das entkernte Augsburger Staatstheater und schwelgt in Erinnerungen. Fotos: Heimspiel

Ein Erfahrungsbericht von Jonas Krüger

Meine letzte Erfahrung mit der virtuellen Realität liegt vier Jahre zurück. Damals habe ich auf der Gamescom ein Indie-Spiel ausprobiert, wie es hieß, habe ich vergessen. Ich erinnere mich nur noch, dass ich es ungelenk zu steuern fand. Nun sitze ich im Gewölbe des ETA Hoffmann Theaters auf einem bequemen Drehstuhl mit Sitzkissen und frage mich: Wie zum Kuckuck soll denn Theater in der virtuellen Realität funktionieren?

Gemeinsam mit den vier anderen Besucher*innen werde ich in die Technik eingeführt. Das Headset am linken unteren Ende der klobigen Brille einstöpseln und bloß die Finger weg von der rechten Seite – denn damit würde das Spiel von vorn beginnen. Endlich erscheint vor mir ein Bild. Ich kann einen großen Durchgang erkennen, eine Art Fresko ziert die Wand darüber. Meine Ansicht wird Schwarz-Weiß und auf den Kopfhörern nehme ich zunächst leise, dann immer lauter ein Murmeln war – Zahlen? Ich drehe meinen Stuhl mit einer Watschel-Bewegung, schaue mich um und erkenne linker Hand einen alten, gut gekleideten Mann mit Hut und Dreiteiler, der bedächtig über die verzierten Fliesen einer Eingangshalle wandelt.

Kurzes musikalisches Rauschen und Dunkelheit, dann die nächste Szene. Ich bewege mich durch die 360 Grad-Welt, recke den Kopf und erkenne die großen Betonsäulen, sehe Bauzäune aus Holz, ein Absperrband, das vermutlich rot-weiß gestreift ist. Es macht wirklich Eindruck, im entkernten Augsburger Staatstheater zu stehen, der Bau wirkt auf mich wie ein Geisterhaus. Ab und an huscht der Alte durchs Bild, von einem Durchgang zum nächsten und direkt in die folgende Szene. Mal wie ein gehetzter Tourist, dann bedächtig, wie ein in Erinnerungen schwelgender Greis. Ich hingegen kann mich nicht bewegen. Wenn ich meine Hände hebe, sehe ich sie nicht, die Brille auf meiner Nase verhindert die Sicht. Diese Bewegungslosigkeit und das Gefühl, der Situation auf meinem Bildschirm ausgeliefert zu sein, fühlen sich an, wie in einem Alptraum.

Es vergeht viel Zeit, bis die Figur beginnt, von sich zu erzählen und ich erfahre, dass es sich um einen kranken, arbeitslosen Schauspieler handelt, der da auf der leeren Bühne vor mir steht. Ich bemerke, dass die Brille wohl nicht ganz richtig sitzt, oder ist das Bild gewollt unscharf? Der Mann trägt Bart und Halbglatze. Ich vervollständige das pixelige Bild in meinem Kopf durch einen alten Sean Connery. Nur Dinge in nächster Umgebung kann ich klar erkennen. Fühlt sich so Kurzsichtigkeit an?

Der Monolog nimmt an Fahrt auf, meine Augen werden müde. In faust’scher Manier redet der Alte voller Inbrunst und Redundanz über vergangene, glorreiche Auftritte und krönt sich dabei selbst. Seine Bewegungen und Gesten werden schneller und größer, sodass ich mich immer öfter watschelnd drehen muss und ein leichtes Übelkeitsgefühl gerade so unterdrücken kann.

Der Höhepunkt ist gekommen, als er in seiner Erzählung beim 14. Mal Applaus angelangt ist. Unmittelbar folgt ein kurzer grüner Abspann, danach höre ich erstmals wieder Schritte, die nicht aus meinen Kopfhörern kommen. Ich nehme die Brille ab, Schweißperlen haben sich auf ihren Gummirändern angesammelt. Ich fühle mich befreit, froh, mich wieder auf meine eigene Sicht verlassen zu können und zugleich der Fähigkeit beraubt, zwischen verschiedenen Orten hin- und herwechseln zu können. Es erschrickt mich, wie schnell ich mein räumliches Vorstellungsvermögen im Gewölbe verloren habe.

Zurück bleibt die Erinnerung an die halbe Stunde, die ich in einer ganz neuen Welt verbracht habe. Einen Theaterabend von 90 Minuten in der virtuellen Realität kann ich mir zwar nicht vorstellen, zu erschöpft sind meine Augen, zu verdreht meine Füße. Doch ich bin fasziniert davon, in Bamberg sitzend, gerade die beeindruckenden Baustellen des entkernten Augsburger Staatstheaters besichtigt zu haben. Der minimalistische Monolog war genau richtig für die virtuelle Realität, denn so musste ich nicht zwischen mehreren Figuren hin- und herschwenken und konnte mich in den Räumlichkeiten verlieren. Eine erfrischende Ergänzung zu den vollen Theaterräumen der ersten Festivaltage.

Zur Produktion

Eine Produktion vom Staatstheater Augsburg
Inszenierung:  André Bücker
Dramaturgie: Sabeth Braun
Musik-/Sounddesign: Stefan Leibold
Kamera, Ton & Produktion: Heimspiel

Mit Klaus Müller

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