Im heimlichen Nachbarschaftsstaat

„Zwischen zwei Menschen gibt es immer einen Kuss. Auch wenn der nie stattfindet, gibt's diesen Kuss zwischen diesen zwei. Nur zwischen diesen.“ Als Auftakt der 38. Bayerischen Theatertage inszeniert Sibylle Broll-Pape am E.T.A. Hoffmann Theater Bamberg „Kängurus am Pool“, ein Auftragswerk von Theresia Walser. Die Tragikomödie gleicht einer Liebesgeschichte. Doch es ist keine dramatische, leidenschaftliche Schnulze, sondern eher eine Alltagsromanze zwischen Menschen, die uns manchmal näherstehen und besser kennen als die Familie: unsere Nachbar*innen. Foto: Martin Kaufhold

Eine Kritik von Amira Hajredini

Banale Streitigkeiten, fehlende Privatsphäre, ständiges Rolllädengeschepper, aber auch versteckte Melancholie und Einsamkeit, die sich in verletzlichen Momenten offenbaren - das ist die Welt, in der die Figuren von Theresia Walsers Theaterstück leben. Sie können sich nicht ausstehen und doch teilen sie Intimes und Privates und sind somit stark in das Leben des Anderen involviert. Es handelt von Menschen und Situationen, die uns unheimlich bekannt vorkommen: das zynische schlaflose Paar Ada (Marie-Paulina Schendel) und Säm (Ansgar Sauren), die nörgelnde kranke Mutter Baya (Katharina Brenner) und ihre depressive arbeitslose Tochter Sonja (Clara Kroneck), der Smalltalk mit dem Postboten (Stefan Herrmann), die angedeuteten Flirts, der Klatsch. Die kleinen, alltäglichen Dinge, die das Nachbar*innenschaftsleben ausmachen, rücken in “Kängurus am Pool” in den Fokus.

Das Haus der hundert Türen

Die zwiegespaltenen Beziehungen zwischen den Nachbar*innen wird von dem Bühnenbild, das aus einem verwinkelten Haus besteht, in dem die unterschiedlichen Figuren leben, unterstrichen. Das Haus, entworfen von der Bühnenbildnerin Trixy Royeck, ist so gebaut, dass die kleinen Zimmer mehrfach bewohnt werden und dabei wie dicht aneinander geknüpfte und gestapelte Kapseln wirken. Treppen, offene Durchgänge und Geheimgänge führen zu verschiedenen Teilen des Hauses, womit das Gefühl der ständigen Überwachung entsteht. Überwacht wird auch, ob gewollt oder nicht. Das laute Runterkrachen der Rollos, das Öffnen und Schließen der Türen, die Bestellungen, die der Postbote durch die Gänge schleppt –  das alles offenbart Aspekte des Alltags und Lebensstils, die normalerweise nicht mit anderen geteilt werden. Die Rollläden bieten den einzigen Sichtschutz vor den neugierigen Blicken der anderen. Aber sie schneiden nicht nur die Welt da draußen von den Bewohner*innen ab, sondern auch die Bewohner*innen von der Welt. Sie isolieren beidseitig. Einerseits entsteht dadurch ein klaustrophobisches Gefühl,  ein Entkommen der aufdringlichen Nachbar*innen erscheint unmöglich. Andererseits verbildlichen die Rollos Momente der vollständigen Abgeschnittenheit und Einsamkeit.

Hier zeigt sich auch das immer wiederkehrende Thema der Trauer, mal in Bezug auf den Tod, mal auf unerreichbare Träume oder ein vergangenes Leben. Broll-Pape erweckt mit ihrer Inszenierung Bilder und Emotionen, die durch die letzten zwei pandemischen Jahre mehr als vertraut sind. Während der Quarantäne sind nicht selten die eigenen Nachbar*innen und ihr Leben zum einzigen Bezug zur Außenwelt geworden. Doch auch der Kampf zwischen Stagnation und Wandel, der diese Periode kennzeichnet, wird durch das Haus reflektiert. Auf einer Drehbühne platziert, gleicht es einer Spieluhr, wenn sich das Haus nach einer vollendeten Szene weiterdreht. Das symbolisiert zum einen das Verstreichen von Zeit und gibt zum anderen Einblicke in andere Teile des Hauses. Unterstützt wird dies durch das Licht, welches mal diesen, mal jenen Winkel des Wohnblocks beleuchtet, wodurch andere Teile im Schatten verhaften bleiben und somit temporär unsichtbar gemacht werden. Zwischen dem Spiel auf der Bühne erscheinen zwei stumme Statist*innen in flauschigen Riesenkänguru-Kostümen, die Namensgeber des Theaterstücks, die wie unsichtbare Geister durch die Welt der Nachbar*innen wandeln. Sie verkörpern das melancholische Gefühl, am Rande eines leeren Pools zu sitzen und auf das stille, türkise Wasser zu blicken. Dieses surreale Bild sorgt für Entschleunigung, einmal durch die damit aufkommende Urlaubsstimmung, aber auch durch den entstehenden Kontrast zu dem sich drehenden Haus.

Einsamkeit ist Zweisamkeit

Sibylle Broll-Pape zeichnet stereotype Figuren, die auf ganz verschiedene Weise dargestellt werden. Während die Darstellerin der Hospiz-Clownin Tschill (gespielt von Antonia Bockelmann) mit überschwänglichen Bewegungen, übertriebener Sprache und Ballontricks für Lacher zu sorgen versucht, fesselt die Schauspielerin Philine Bührer als Nachbarin Elly das Publikum mit ihrer wahnhaften Erzählung über ihre Begegnung mit dem lebendigen Geist eines Kindes aus dem Viertel. Besonders in Erinnerung bleiben da die kurzen Augenblicke der Ehrlichkeit, die das Publikum hinter die scheinheilige Fassade des Alltagsgeredes und in die Seelen der Menschen blicken lassen.

Die Inszenierung "Kängurus am Pool" von Sibylle Broll-Pape ist eine sensible Auseinandersetzung mit unterschiedlichsten Persönlichkeitstypen, die uns allzu oft im Alltag begegnen. Was sie dabei enthüllt, ist Horror, Komik und Tragik zugleich und doch oder vor allem auch ein Liebesbekenntnis an unsere Nachbar*innen: unsere schlimmsten Feinde und engsten Verbündete.

Zur Produktion

eine Produktion vom ETA Hoffmann Theater Bamberg
Regie: Sibylle Broll-Pape
Text: Theresia Walser
Dramaturgie: Victoria Weich
Bühne und Kostüm: Trixy Royeck
Musik: Ingmar Kurenbach

mit Marie-Paulina Schendel, Philine Bührer, Antonia Bockelmann, Katharina Brenner, Clara Kroneck, Ansgar Sauren, Florian Walter, Stefan Herrmann, Stephan Ullrich

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