Ich habe vergessen was ich mag

Mit ihrer Tanztheaterproduktion „Butterfly Brain“ bringt Curtis & Co. – dance affairs das Vergessen auf die Bühne des ETA Hoffmann Theaters. Nach jahrelanger Begleitung demenzkranker Menschen erzählt die die Kompanie von einer Krankheit, die uns allen irgendwann begegnen kann. Fotos: Sebastian Autenrieth

Eine Kritik von Luisa Mückstein

Der Abend beginnt mit dem Blick auf eine leere Bühne. Weiße Wände, weißer Boden. Nur vier schwarze Stühle und Notenpulte stehen vorn am Bühnenrand. Eva-Maria Christ, Susanna Curtis, Jürgen Heimüller und Johannes Walter betreten ganz in Schwarz gekleidet die Bühne. Die klaren Kontraste zwischen Weiß und Schwarz und die aufgeräumte Bühne schaffen einen starken Kontrast zur Inszenierung, die von Verwirrung, Absurdität und Sprunghaftigkeit erzählt.

„Ich habe vergessen die Milch einzukaufen. Ich habe vergessen meine Hose anzuziehen. Ich habe vergessen wer ich bin. Ich habe den Namen meiner Nachbarin vergessen. Wie heißt sie nochmal? Frau Schmidts!“ Der Abend folgt keinem stringenten Handlungsstrang. In Bewegungen übersetzte Erzählungen demenzkranker Menschen wechseln sich mit szenischen Darstellungen ab. Jürgen Heimüller steht am Rand und erzählt von einem Mann, der bemerkt, dass er keine Milch mehr im Kühlschrank hat und sich auf den Weg macht, um neue zu kaufen, dabei erst den Schlüssel vergisst und sich nochmal neusortiert. Eva-Maria Christ und Johannes Walter bewegen sich dazu im weißen Spotlight, manchmal fließend, dann stockend und unbeholfen, passend zur Geschichte. Immer wieder vergisst der Mann, warum er etwas tut, geht in den Park, statt in den Supermarkt - vielleicht weil das Wetter so schön ist? Im Supermarkt kauft er nur Marmelade, weil man die ja immer gebrauchen kann.

„Nehmen Sie sich ein Blatt Papier, knicken Sie es in der Mitte und werfen Sie es zu Boden. Nehmen sie ein Blatt Papier, knicken Sie es in der Mitte und werfen Sie es zu Boden. Nehmen sie ein Blatt Papier, knicken Sie es in der Mitte und werfen Sie es zu Boden!“ Wir befinden uns inmitten eines Demenztests. In gleißend weißem Licht stehen drei Schauspieler*innen an der linken Seite der Bühne und folgen ohne Regungen den Anweisungen der vierten Person. Synchron nehmen sie ein Blatt nach dem anderen, falten es, werfen es zu Boden und werden dabei immer schneller, gar panisch. Dabei wechselt die Musik zwischen Streichquartett, 60er-Jahresound von Patsy Cline, atmosphärischen Klängen und dissonanten Geräuschen. Es fühlt sich an, als würde die Musik die Tänzer*innen kontrollieren. Wie eine über den Menschen schwebende Macht scheint sie ihre Bewegungen zu lenken, genau wie die Krankheit.

Ein lautes gedämpftes Pochen ertönt. Eine*r der Schauspieler*innen sitzt in der Mitte der Bühne auf einem Stuhl und wirft den Oberkörper scheinbar unkontrolliert nach vorne und wieder zurück. Wie die Geräusche stoppen auch die Bewegungen nicht, werden größer und absurder. Erst als die Musik endet lösen sich auch die Bewegungen auf. Wenn die Stimme von Patsy Cline den Raum füllt, wird die Bühne in rotes, warmes Licht getaucht. Leicht und fließend bewegen sich die Tänzer*innen über die Bühne, als würden sie schweben. Diese kurzen klaren Momente erinnern an demenzkranke Menschen, die bei Erinnerungen an früher plötzlich wieder wach und erreichbar scheinen.

Beeindruckend gelingt es „Butterfly Brain“ die Tragik und Absurdität der Demenz darzustellen. Eine*r der Schauspieler*innen empört sich furchtbar über einen geklauten Schuh, obwohl der nur in der Ecke liegt. Leises Lachen im Publikum. Mit einer Kamera, deren Bilder live auf eine Leinwand im Bühnenhintergrund projiziert werden, kommen wir den Tänzer*innen unwahrscheinlich nahe. So entstehen Verbundenheit und Mitgefühl, die Grausamkeit der Krankheit prankt wie ein Elefant im Raum. Dann werden die Gesichter der Schauspieler*innen auf den Leinwänden immer milchiger und verschwinden.

Neben aller Verzweiflung und Wut, inszeniert Susanna Curtis liebevoll und mit großer Empathie. Dabei erzeugt sie vielseitige Bilder, wenn sich die Tänzer*innen mit Notenpult und Stuhl auf dem Boden winden oder mit einer Taschenlampe Schatten an die Wand geworfen werden. Bilder von Nervenzellen, deren Veränderung eine Demenz auslöst, erscheinen vor dem inneren Auge.

Durch das Zusammenspiel von Bewegungen, Text, Musik und Livekamera gelingt der Choreographin Susanna Curtis ein sinnlicher Zugang zu Demenz in all ihren Facetten, Widersprüchlichkeiten und auch Absurditäten. Sie zeigt, was es bedeutet, durch die Krankheit nur noch Schatten seiner selbst zu sein. Warm, berührend und doch direkt. Dabei kommentiert die Inszenierung nicht, sondern erzählt Geschichten von veränderten Persönlichkeiten, innerer Zerrissenheit und verlorener Orientierung.

Zur Produktion

Eine Produktion von Curtis & Co. - Dance Affairs mit der Tafelhalle Nürnberg
Inszenierung/Choreografie/Bühne/Kostüme: Susanna Curtis
Beratung: Johanna Deffner
Dramaturgie: Susanna Curtis, Jürgen Heimüller
Licht: Saza Batnozic
Komposition: Jürgen Heimüller

Mit Eva-Maria Christ, Susanna Curtis, Jürgen Heimüller, Johannes Walter

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