Habt Spaß!

Wie möchte ich gern geküsst werden? Wie funktioniert weibliche Masturbation? Und was hätte ich gerne vor dem ersten Mal gewusst? Um diese Fragen dreht sich die „sinnlich-ästhetische Aufklärungsshow” von Manuela Neudegger und ihrem Ensemble für Zuschauer*innen ab 14 Jahren. Dabei soll „Berührt euch!” kein Ersatz zum Biologieunterricht sein, sondern all das thematisieren, was wir in der Schule nicht lernen. Wir haben vor der Show mit der Regisseurin Manuela Neudegger und der Schauspielerin Meike Hess gesprochen. Fotos: Sebastian Autenrieht/Redaktion

Ein Interview von Milena Behr, Leonard Bürger und Janina Müller

Redaktion: Hallo Meike und Manuela! Schön, dass ihr da seid. Wie nehmt ihr die aktuelle Situation der Sexualpädagogik in Deutschland wahr?

Meike: Soweit wir das beurteilen können, nachdem wir dieses Stück gemacht haben, ist sie sehr durchwachsen. Wir fragen meistens die Zielgruppe, die ab 14-Jährigen: „Wie empfindet ihr den Aufklärungsunterricht in der Schule?” Da kommen echt unterschiedliche Rückmeldungen. Es gibt Leute, die sagen „bei uns war alles gut”. Aber es gibt eben auch viele, die sagen, „bei uns war es voll peinlich mit den Lehrer*innen und voll schlimm“. Also ist es sehr durchwachsen.

Manuela: Ich habe mit Pro Familia in Nürnberg auch zwei, drei Treffen gehabt, die gehen in die Schulen und klären auf. Ich habe dort hospitiert und fand das sehr interessant. Dann kam die Pandemie und ich konnte nicht weiter hospitieren. Daraufhin habe ich die bayerischen Lehrpläne durchforstet und schnell gemerkt, dass da nichts über den Hormonzyklus eines Menschen mit Gebärmutter drin steht. Es wird nicht über Masturbation gesprochen und auch nicht über Intimhygiene oder Zärtlichkeit oder wie man sich einer Person nähert. Und mein Anliegen war es, etwas dazu zu geben. Also nicht zu ersetzen, sondern über Themen zu sprechen, die nicht im Lehrplan vorgesehen sind.

Redaktion: Was denkst du, woran liegt es, dass so viele wichtige Themen nicht im Lehrplan vorkommen? Sind sie zu schambehaftet oder gibt es zu wenig Zeit dafür?

Manuela: Ich glaube, was das Thema Masturbation betrifft, könnte es Scham sein. Denn die Aufklärung liegt ja doch noch ganz oft bei den Lehrer*innen. Und wie spricht man dieses Thema an? Oft sind sie nicht geschult für solche Unterrichtseinheiten. Hinzu kommt, dass Vulva und die Klitoris in den Lehrbüchern immer noch falsch dargestellt werden. Erst 2022 haben sich drei Verlage dazu bereit erklärt, die korrekten Abbildung zu zeigen. Ich glaube, das hat viel mit Sichtbarkeit zu tun. Penisabbildungen sieht man überall, Abbildungen weiblicher Geschlechtsorgane aber nicht. Und ich hoffe, dass sich das jetzt ändert.

Redaktion: Wie wurde denn in eurer Jugend über Sexualität gesprochen?

Meike: Wir haben uns natürlich auch darüber unterhalten. Bei uns gab es die Bravo, Dr. Sommer war ganz groß. Und Gespräche mit Eltern gab’s auch. Aber ich glaube, die Aufklärung fand über Freundinnen und Freunde statt, die probiert haben, herauszufinden „wie war das bei dir?“. So war es zumindest bei uns im Freund*innenkreis. Ich glaube, das ist heute auch noch so. Jugendliche tauschen sich viel untereinander aus und teilweise viel, viel offener als wir damals, das haben wir in den Gesprächen gemerkt. Zwar sprechen viele heute immer noch nicht über Masturbation, aber zu unserer Zeit war das noch weniger, denke ich. Besonders unter Mädchen.

Redaktion: Also habt ihr den Eindruck, dass sich auch beim Thema der Tabus gerade etwas ändert und offener darüber gesprochen wird? Zum Beispiel über Masturbation?

Meike: Bei den Gesprächen, die wir bisher hatten, war es irgendwie erschreckend und schön zugleich, denn ich habe den Eindruck, dass es schon mehr Menschen gibt, die offen darüber sprechen. Und im Kontrast dazu denken immer noch manche, dass es ein totales No-Go ist. Die sagen: „Boah, ich habe mich immer geschämt, cool, dass ihr sagt, dass ich masturbieren darf”. Das ist immer wieder erschreckend. Aber wir stellen auch fest, dass dieses Gender-Behaftete sich viel mehr auflöst und da viel mehr Offenheit herrscht.

Manuela: Ja, genau. Ich fände es schön, wenn das Stück ein Anfang wäre, um darüber zu reden. Manchmal fällt der Anfang schwer. Und wenn man das Stück gesehen hat, dann kann man sich darauf beziehen. Dann ist die Hemmschwelle auch ein bisschen niedriger.

Redaktion: Apropos darüber reden: Wie wichtig ist es euch, queeren und queer-feministischen Perspektiven am Theater und im Allgemeinen Raum zu geben?

Manuela: Ich finde, das spielt eine sehr wichtige Rolle, weil Sichtbarkeit so wichtig ist. Dann kann man auch darüber reden und es ist nicht mehr irgendwas, was woanders stattfindet. Ich finde es deshalb wichtig, dass auf der Bühne ein Querschnitt unserer Gesellschaft Repräsentation findet.

Meike: Ich hoffe, dass irgendwann alles so normal ist, dass man überhaupt nicht mehr darüber sprechen muss, sondern jede*r einfach das tut, was er*sie will. Das hoffe ich wirklich.

Redaktion: Kooperiert ihr denn mit Schulen oder anderen Bildungsinstitutionen, damit sie euer Stück besuchen?

Manuela: Wir schicken wie verrückt Flyer raus und sind natürlich darauf angewiesen, dass Lehrkörper von unserem Stück angetan sind und dann mit ihren Schulklassen kommen.

Meike: Tatsächlich ist es so, dass die Lehrer*innen, die schon drin waren, alle sehr begeistert rausgehen und es weitererzählen. Wir konnten uns bisher nicht über leere Säle beschweren. Wir haben immer Leute da, weil der Bedarf einfach da ist.

Redaktion: Theater ist ja bei Jugendlichen oft eher unbeliebt und das Publikum größtenteils eher älter. Wie schafft ihr es, dass Jugendliche, die ja eure Zielgruppe sind, sich das Stück ansehen?

Manuela: Ich muss eben ehrlich sagen: über die Lehrkörper. Wenn die Bock haben, schleppen sie ihre Klassen mit rein. Wie viele Jugendliche von sich aus ins Stück gehen, können wir aber schwer beantworten, da wir aufgrund der Pandemie noch nicht so viele Vorstellungen gespielt haben. Trotzdem war die Resonanz bisher immer positiv.

Meike: Was ich total toll finde, sind die die Nachgespräche. Dadurch dass wir auf der Bühne sehr offen mit dem Thema Sex umgehen, sprechen die Zuschauer*innen dort auch untereinander total frei und tauschen sich aus. Aber sie müssen das natürlich nicht. Man kann auch einfach nur sitzen, schweigen, gucken und wieder gehen.

Redaktion: Warum sollte Aufklärung denn in dieser Form stattfinden? Welche Möglichkeiten bietet das Theater hier und wo stößt es an seine Grenzen?  

Manuela: Zum einen finde ich, dass das Publikum bei unserem Stück einen Schutzraum hat, denn wir machen kein Mitmachstück. Sie dürfen einfach konsumieren. In der Schule hatten wir damals Unterricht bei unserem Biologielehrer, der kurz vor der Rente stand. Als er fragte, ob wir noch Fragen hätten, habe ich mich einfach nicht getraut. Ich war wie eingefroren. Und bei unserem Stück muss man sich eben nicht beteiligen und die Auseinandersetzung mit dem Thema verlagert sich auf die Seite der Jugendlichen.

Meike: In der Schule geht es vor allem um die Frage, woher Babys kommen und das ist auch sehr wichtig. Dabei fällt aber oft unter den Tisch, dass Sex vor allem verdammt viel Spaß machen soll. Habt einfach Spaß, probiert euch aus!

Redaktion: Eine letzte Frage bevor wir euch zur Probe entlassen: Wie seid ihr denn im Team mit dem Thema umgegangen? Haben sich eure Perspektiven auf Aufklärung während der Arbeit verändert?

Meike: Wir kannten uns vorher nicht wirklich und das war total gut, weil wir erstmal extrem viel geredet haben. Dabei habe ich super viel gelernt. Ich habe selber schon zwei Kinder, man sollte also meinen, ich wüsste alles. Aber ich habe schnell gemerkt, dass ich gar nichts weiß. Wir haben auch viele Übungen gemacht, um zu schauen, wie weit man im Spiel gehen kann, bis zu welchem Grad man sich von Kolleg*innen anfassen lässt.

Manuela: Ich hatte viel Zeit für die Recherche und manche Bücher waren für mich echt eine Offenbarung. Zu erfahren, dass der Zyklus mehrere Höhen und Tiefen hat, hat es mir erlaubt, mich besser einzuordnen und zu verstehen, dass dieses Auf und Ab nicht an mir, sondern meinen Hormonen liegt. Es war einfach eine Erleichterung diese Regelmäßigkeit zu bemerken. Wie eine Anleitung für mich selbst.

Redaktion: Vielen Dank euch für das offene und interessante Gespräch. Wir freuen uns auf die Aufführung heute Abend!

Zur Produktion

Eine Koproduktion der Tafelhalle im KunstKulturQuartier

Inszenierung/ Regie: Manuela Neudegger
Bühne: Daina Kasperowitsch, Manuela Neudegger, Miho Kasama
Kostüm: Daina Kasperowitsch
Dramaturgie: Eva Ockelhann

Mit Eva Borrmann, Maike Hess, Florian Kenner, David Kilinc

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