Fassbinder (de)constructed

Der dritte Jahrgang der Münchner Otto Falckenberg Schule inszeniert den Film „Die dritte Generation“ von Rainer Werner Fassbinder auf der Theaterbühne. Wer jetzt Dialoge und Handlungen erwartet hat, die nur so vor patriarchaler Gewalt triefen, wird jedoch eines Besseren belehrt: denn anstatt einer Reproduktion hat sich das Ensemble für eine Dekonstruktion entschieden. Foto: Emma Szabo

Philosophische Überlegungen dazu von Janina Müller

Zunächst ein kleiner Blick in die Grundlagen der Sprachphilosophie. Warum Sprachphilosophie? Nun ja, weil alles Sein auch Sprache ist. Wir denken in Sprache, wir begreifen die Welt in Sprache. Sie ist notwendigerweise immer da, sie ist Hauptbestandteil unseres Verstehens, welches unser „In-der-Welt-Sein“ prägt.

Eine zentrale Fragestellung der Sprachphilosophie ist die nach der Bedeutung. Was aber ist Bedeutung? Geht es nach dem Dekonstruktivismus, mit Jaques Derrida als wichtigem Vertreter, ergibt sich die Bedeutung eines einzelnen Sinnträgers aus seinem Verhältnis zu anderen Sinnträgern und ihrem Zusammenspiel. Akademisch aufgepimpter Nonsense? Ganz so einfach ist das nicht, denn: Was macht Ihren Computer oder Ihr Smartphone, auf dem Sie diesen Text lesen, zu dem was es ist? Es ist, was es ist, weil es nicht die danebenstehende Tasse ist, weil es kein Mensch, kein Tier, keine Pflanze ist, weil es kein Stuhl ist und so weiter und so fort. Mit anderen Worten: Alles was ist, ist zugleich das was es nicht ist. Heißt aber auch: Die Bedeutung ist nie mit sich selbst identisch und es gibt keinen eindeutigen, absoluten Sinn, keine aufs Unendliche feststehende Bedeutung. Ändert sich die Ansammlung an Sinnträgern, ändert sich auch die Bedeutung der Einzelnen. Und dies geschieht ständig. Bedeutung ist also nicht, sie wird. Sie ist Konstrukt und kann dementsprechend immer auch dekonstruiert werden.

„Die Dritte Generation“ – Von Konstruktion und Dekonstruktion

Nichts anderes vermittelt Fassbinders Film „Die Dritte Generation“: „Film, das ist 25mal in der Sekunde Lüge und weil alles Lüge ist, ist es auch die Wahrheit. Und dass Wahrheit eben Lüge ist, das gibt jeder Film preis.“

Gibt es keine eindeutige absolute Bedeutung, so auch nicht absolute Wahrheit und absolute Lüge. Die Terrororganisation, die im Zentrum des Geschehens steht, ist und ist zugleich nicht. Denn sie ist nur eine Konstruktion des Unternehmers Lurz, die durch die Mitglieder der Organisation mitgestaltet wird. Die Mitglieder meinen, gegen althergebrachte Hierarchien und das Unternehmertum zu agieren. Gleichzeitig sind sie Reproduzenten derselben Strukturen, stecken mal mehr und mal weniger mit Lurz unter einer Decke. Freund und Feind sind hier ein und dasselbe. Die Organisation ist also eine Lüge, die für die Figuren aber Geltung besitzt, von ihnen als Wahrheit wahrgenommen wird und reale Konsequenzen nach sich zieht. Lüge und Wahrheit produzieren sich hier gegenseitig.

Auch in der Abschlussinszenierung des dritten Schauspieljahrgangs der Münchner Otto Falckenberg Schule wird die Wahrheit als Lüge, die Lüge als Wahrheit enttarnt. Auf allen Ebenen wird klar: sie sind nur konstruiert. Dennoch ist die Inszenierung nicht einfach ein Abklatsch von Fassbinders Film, sie besitzt vielmehr eine ganz eigene Qualität. Der Film wird konsequent dekonstruiert und erst dadurch als Konstruktion entlarvt. So werden die Geschlechter glatt umgekehrt: Ilse ist er, Bernhard ist sie. Irgendwann vertauschen und verdichten sich die Kategorien so sehr, dass sie ihre unterscheidende Funktion verlieren, der binäre Code keine Wirkung mehr besitzt.

Dasselbe gilt für sexuelle Praktiken. Die patriarchale Hierarchie beim Sex weicht der universellen Zärtlichkeit. Da wird geküsst, gestreichelt, gelacht, gekitzelt. Oder die Worte des russischen Revolutionärs und Anarchisten Michail Alexadrowitsch Bakunin, die für manchen Aufstand sorgten, werden von einer lispelnden Kinderstimme gesprochen. Gewalt, welcher Art auch immer, wird so sehr ins Lächerliche gezogen, dass sie ihren autoritären Charakter verliert. Untermalt wird das Ganze von Strobo-Licht und Technobeats, einem Bühnenbild, das an Kinderzimmer oder Studierendenbude erinnert oder Kostümen, die zunächst an eine Sekte und später an die Mode der 80er Jahre erinnern. Die Krönung stellt der Einsatz einer Nebelmaschine und der einschlägigen Choreographie zu Michael Jacksons „Thriller“ dar. Die Grenzen, die der Film nicht aufzuheben vermag, werdenauf der Bühne aufgelöst.

Die Frage nach dem Wert – über die Möglichkeiten der Komik

Doch welchen künstlerischen oder gesellschaftlichen Mehrwert kann eine Inszenierung haben, in der eine Gruppe junger Menschen sich über alles Mögliche lustig macht und alles raushaut, was das schauspielerische Repertoire so bietet? Die Beurteilung dessen ist davon abhängig, welchem Kunstverständnis ich folge. Muss Kunst immer einen Mehrwert besitzen? Ist die Kunst nur für die Kunst da, also Selbstzweck? Oder muss sie sich engagieren, auf gesellschaftliche und politische Konflikte verweisen, diese kritisieren, den Diskurs umformen? Unterstelle ich ihr diesen Zweck, stellt sich die Frage, welche Vermittlungsform bevorzugt wird. Kann man Hierarchie und Gewalt nur kritisieren in dem man das Leiden, welches sie erzeugt, auf die Bühne holt? Oder ist es nicht gerade die Komik, das Absurde, Lustige, welche Kritik ausübt? Wie ich finde, haben beide Formen ihre Berechtigung.

In diesem Fall hat die Komik, wie sie in der hiesigen Inszenierung vorliegt, jedoch einen entscheidenden Vorteil: Nicht nur, dass sie das, was zu kritisieren ist, markiert in dem sie es ins Absurde zieht. Sie zeigt auch auf, wie es besser laufen könnte. Wie es eben sein könnte, wenn Geschlecht keine Rolle mehr spielt, wenn Menschen sich lieben anstatt sich gegenseitig dominieren und bekämpfen zu wollen. Wie es sein könnte, wenn es keine Grenzen mehr gibt, die uns unterdrücken, fesseln, zerstören. Dekonstruktion verweist auf die Möglichkeit, dass es auch anders sein kann. Und wie wäre Kritik oder das Konstruieren von etwas Neuem, ohne diese Möglichkeit denkbar?  Wie könnten wir uns sonst von Unterdrückendem befreien?

Zur Produktion

Eine Produktion der Otto Falckenberg Schule (München)

Regie: Charlotte Sprenger
Bühne/Kostüme: Aleksandra Pavlović
Musik: Jonas Landerschier
Licht: Stephan Mariani
Dramaturgie: Olivia Ebert
Ton: Thomas Schlienger
Technik/Requisite: Maxi Blässing, Friedo Günther, Leo Alrang

Mit Nellie Fischer-Benson, Arina Toni, Alvaro Rentz, Mia Maria Müller, Florian Voigt, Cornelius Kiene, Nils Thalmann, Joshua Kliefert, Isabell Antonia Höcker, Sammy Scheuritzel, Anna Gesa-Raija Lappe

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