Eine Reise ins Ungewisse

"Die Reise der Verlorenen" von Daniel Kehlmann in der Regie von Thomas Luft ist eine Inszenierung über Flucht und Hoffnung. Und über die Verantwortung, die niemand tragen will. Foto: Hermann Posch

Ein Kommentar von Lisa Maßholder

Was passiert mit Menschen, die ihr Land verlassen müssen, um in Sicherheit leben zu können? „Die Reise der Verlorenen“ thematisiert Flucht und ihre ganze Tragik aus unterschiedlichen Blickpunkten. Die Inszenierung von Thomas Luft handelt von fast 1000 Jüd*innen, die im Jahr 1939 versuchen mit dem Schiff, der St. Louis, von Deutschland über Kuba in die USA zu gelangen. Doch das Anlegen wird ihnen nicht gestattet, da der kubanische Präsident die Einreise der Geflüchteten verbietet.

2022 könnte die Thematik angesichts des Krieges in der Ukraine aktueller nicht sein. Denn ob 1939 an Bord der St. Louis oder heute in einem Zug: Die Menschen wollen ihre gewohnte Umgebung nicht verlassen. Doch die Flucht ist mit der Hoffnung verbunden, dem Irrsinn und der Gewalt zu entkommen und an einem anderen Ort in Sicherheit leben zu können. Ein Grundrecht eines jeden Menschen!

Gleichzeitig wirft das Stück eine Frage auf, die damals ebenso komplex war, wie sie es heute noch ist: Wie organisieren wir die Aufnahme tausender Flüchtlinge und werden der Aufnahmebereitschaft Grenzen gesetzt? Wenn ja, wer entscheidet darüber? Ist Gerechtigkeit für alle Geflüchteten überhaupt möglich? Denn ein Land wie Kuba kommt aufgrund seiner Größe und beschränkter Kapazitäten schneller als andere Staaten an seine Limits. Und selbst ein so großes und wirtschaftlich starkes Land wie Deutschland musste 2015 erkennen, dass die Möglichkeiten irgendwann erschöpft sind. Oder sind das alles nur Versuche, sich nicht mit den Herausforderungen einer Aufnahme auseinandersetzen zu müssen?

„Die Reise der Verlorenen“ zeigt, welches Risiko besteht, wenn Menschen auf der Flucht in ein derartiges Abhängigkeitsverhältnis von politischen Entscheidungsträger*innen potentieller Aufnahmeländer geraten. Denn egal, ob es sich um das vergangene Regime des kubanischen Generals Fulgencio Batista oder um die heutigen Regierungen in Polen oder Belarus handelt: Sie alle verbinden mit der Entscheidung über die Aufnahme von Geflüchteten eigene politische Absichten. Stehen etwa Wahlen an oder hat die Einreiseerlaubnis Potenzial für politischen Zündstoff? Auch Deutschland kann sich nicht so einfach aus der Affäre ziehen, indem es die Verantwortung für die Situation an den EU-Außengrenzen auf Italien, Griechenland oder Polen abgibt.

An der Grenze Polens oder Belarus kann derzeit beobachtet werden, dass bei der Einreise zwischen geflüchteten Menschen erster und zweiter Klasse unterschieden wird. Weisen sie bestimmte Merkmale auf, werden sie zurückgewiesen. Der politische Spielraum steht dem Schicksal derer gegenüber, die anfangs voller Hoffnung waren und sich letztlich damit abfinden müssen, trotz ihrer verheerenden Situation nicht aufgenommen zu werden. Gar zum politischen Spielball zu werden. In ihrer Verzweiflung unternehmen sie Suizidversuche oder die gefährliche Reise in einem Schlauchboot übers Mittelmeer. Uns Europäer*innen fällt es schwer, das Ausmaß der Verzweiflung zu begreifen. Häufig legen wir bei politischen Konflikten unterschiedliche humanitäre Maßstäbe an. Es ist an der Zeit, stattdessen Menschlichkeit über Recht und Ordnung zu stellen.

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