Eine afrofuturistische Geisterjagd

„‚Wir Schwarzen müssen zusammenhalten‘ – Eine Erwiderung“, produziert von den Münchner Kammerspiele und dem Goethe Institut Lomé, ist ein Mash-Up aus Theater, Film, Comic und Puppenspiel. Die Stückentwicklung erzählt die Geschichte von Geisterjägerin Cycy (Nancy Mensah-Offei), die auf ihrer Reise durch die Zeit Deutschlands koloniale Schuld und Verdrängung entlarvt. Fotos: Thomas Aurin

Ein Essay von Leonard Bürger

Die doku-fiktionale Inszenierung ist ein Mix aus afrofuturistischen Elementen und vielfältigen historischem Material: Zu Beginn des Stückes stürzt Cycy mit ihrem Raumschiff ab und landet in der Savanne Togos im Jahr 1914. Cycy spürt koloniale Geister auf, d.h. Geister von Menschen, die koloniale Grausamkeiten ausübten und nun in den Köpfen der Betroffenen weiter spuken. Der Grund für ihr plötzliches Abstürzen ist der Funker Siegfried Gaba Bismarck (Komi Togbonou), denn dieser wird vom Geist des ehemaligen CSU-Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß geplagt. Strauß pflegte mit dem ehemaligen autokratischen Präsidenten Togos, Gnassingbé Eyadéma, eine geschäftliche und auf korrupten Machenschaften und Profitgier basierende Beziehung. In diesem Kontext entstand auch die fragwürdige und titelgebenden Aussage „Wir Schwarzen müssen zusammenhalten!“. Dieser Satz, der zum einen das verzerrtes Bild einer vermeintlichen bayerisch-togoischen Freundschaft entwirft, zum anderen die hundertjährige Geschichte kolonialer Gewalt verharmlost, ist Ausgangspunkt des deutsch-togoischen Theaterprojektes.

Zu dem Soundtrack „Ghost Busters“ von Ray Parker Jr. beginnt die Geisterjagd. Cycy reist in das Jahr 1984, um Strauß, der in der Gestalt einer Marionette auftritt (hergestellt von Michael Pietsch), zu konfrontieren. In diesem Jahr feierten Strauß und Eyadéma 100 jähriges Jubiläum deutsch-togischer “Freundschaft”. Sogenannte Staatsbankette und ausgedehnte Antilopen Jagden gehörten zu den typischen Gepflogenheiten von Strauß während seiner Aufenthalte in Togo. Zudem nutzte er seine gute Beziehung zum ehemaligen togoischen Präsidenten, um die Expansion bayerischer Unternehmen zu ermöglichen.

Während die Inszenierung „‚Wir Schwarzen müssen zusammenhalten‘ – Eine Erwiderung“ koloniale Kontinuitäten unserer deutschen Gesellschaft sichtbar macht, werden sich einer Vielzahl an afrofuturistischer Elemente und Bezüge bedient. Afrofuturimsus stellt ein Gegenbild zur sonst eher westlich geprägten Science-Fiction dar. Es ist eine Strategie, alternative Geschichten über dìe Zukunft zu erzählen, wobei mit hegemonialen Ansichten, die zwischen weiß/innovativ und Schwarz/rückständig unterscheiden, gebrochen wird. Doch Afrofuturismus ist mehr als nur Schwarze Menschen in metallenen Raumanzügen mit Laserpistolen: Aus afrozentristischer Perspektiven werden utopische Zukunftswelten imaginiert, die beispielsweise koloniale Hierarchien auflösen und Schwarze Lebensrealitäten mitdenken. Längst hat der Afrofuturismus, der sich zunächst im angloamerikanischen Film, Literatur und Theater etablierte, auch im deutschsprachigen Raum seine Anfänge genommen. „‚Wir Schwarzen müssen zusammenhalten‘ – Eine Erwiderung“ ist dabei nur ein Beispiel von vielen. Was genau aber macht das Stück afrofuturistisch?

Hier lohnt sich ein Blick auf das Kostüm der Figur Cycy, das kollaborativ von Ayanick Nini Nicoué und Julia Kurzweg hergestellt wurde. Sie trägt einen Astronautinnenanzug, der mit traditionell togoischen Mustern verziert ist. Ihr Kopf steckt in einem leuchtenden Glashelm und in ihrer Hand hält sie ein Neonröhren-Lichtschwert. Das Kostüm verbindet somit klassische Elemente der Science-Fiction mit traditioneller afrikanischer Kunst. Auch Raumschiff und Zeitreise sind typische Sci-Fi Tropen. Ansätze des Afrofuturismus zeichnen sich dadurch aus, dass aufgeladene Bilder der Entfremdung und des ‘Fremden’ neue, positive Bedeutungen zu kommen. In diesem Kontext suggeriert die Figur Cycy aus dem Weltall eine ‘andere’ Perspektive, jenseits eurozentristischer und männlicher Sichtweisen. Die Konstruktion des ‘Anderen’ wird hier zum Ausgangspunkt für einen alternativen Blick auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Denn während ihrer Geisterjagd zeigt Cycy Kontinuitäten einer kolonial geprägten deutsch-togoischen Beziehung auf und stellt heraus, inwiefern deutscher Kolonialismus fehlerhaft erinnert und aufgearbeitet wird. Indem sie die Verstrickungen kolonialer Vergangenheit und unserer Gegenwart untersucht, arbeitet sie auf eine utopische Welt ohne koloniale Machthierarchien und Leidensgeschichten hin. Damit leistet sie aktiv Widerstand gegen koloniale Strukturen.

Die Stückentwicklung des deutsch-togoischen Teams wechselt collagenartig zwischen verschiedenen Darstellungsformen: Immer wieder reihen sich einzelne Comicsequenzen in das Spiel auf der Bühne. Das Medium Comic ist vor allem von den Geschichten männlicher, weißer Superhelden à la Batman, Spiderman, Superman und co. geprägt. Doch in den Comicsequenzen von “Wir Schwarzen müssen zusammenhalten  - eine Erwiderung” steht die Schwarze Superheldin Cycy im Mittelpunkt, womit die Inszenierung ein Gegenbild zum normativen Bild des westlichen Heldentums konstruiert. Durch das Bild der Schwarzen Superheldin mit übermenschlichen Fähigkeiten kommt es zum Perspektivwechsel und einer Umkehrung von gesellschaftlichen Machtverhältnissen. Zudem kann man der Figur Cycy, die während der 90-minütigen Inszenierung koloniale Spure verfolgt, bayerische Großunternehmer in Rapabttles besiegt und F.J.Strauß zum Schrumpfen bringt, ein gewisses Empowermentpotenzial zuschreiben.  

„‚Wir Schwarzen müssen zusammenhalten‘ – Eine Erwiderung” hinterfragt vorherrschende, eurozentristische Sichtweisen auf die deutsche koloniale Vergangenheit und macht Lücken einer verzerrten Gedächtniskultur Deutschlands sichtbar. Mithilfe afrofuturistischer Bezüge wird nicht nur die Vergangenheit reflektiert, sondern auch eine Entkolonialisierungsutopie angedeutet.

Zur Produktion

Eine Produktion der Münchner Kammerspiele und des Goethe Instituts Lomé

Idee: Jan-Christoph Gockel, Komi Togbonou
Regie: Jan-Christoph Gockel
Live-Kamera und Bildgestaltung: Eike Zuleeg
Bildmischung und Schnitt: Denize Galiao
Text: Elemawusi Agbédjidji, und Ensemble
Comic: Aka (Adodokpo Kokou Armand), Tsidkenu Ezechias Gbadamassi (Kias), Kiel (Tsidkenu Ezechiel Gbadamassi), Paulin Assem
Bühne und Kostüm: Julia Kurzweg
Kostüm-Kollaboration: Ayanick Nini Nicoué
Puppenbau: Danaye Kalanféi, Michael Pietsch
Dramaturgie: Olivia Ebert

Von und mit Ramsès Alfa, Dr. Kokou Azamede, Jeannine Dissirama Bessoga, Danaye Kalanféi, Nancy Mensah-Offei, Michael Pietsch, Komi Togbonou, Martin Weigel

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