Ein Spiel der Gegensätze – ein Erfahrungsbericht

„Oleanna – Ein Machtspiel“ von David Mamets aus dem Jahr 1992 nimmt Themen wie Geschlechterverhältnisse und Machtmissbrauch in den Blick. Axel Sichrovsky inszeniert Mamets Text am Staatstheater Augsburg im Virtual Reality Format. Foto: Heimspiel

Ein Erfahrungsbericht von Stella Bayer

Ich sitze in einem Raum. In einer prachtvollen, historischen Bibliothek mit deckenhohen Regalen voller antiker Bücher, vier tischgroße Globen vor großen Glasfenstern hinter mir. Links sowie rechts befindet sich jeweils eine Wendeltreppe, welche zu der kleinen aber prachtvoll verzierten Galerie hochführen. Nicht zu vergessen ist das barocke Deckenfresko und die sechs Heiligenstatuen, welche sich hinter meinem Rücken aufreihen. Ich höre Stimmen, sehe jedoch niemandem im Raum. Daraufhin erhöhe ich die Lautstärke an meinen Kopfhörern. Ich verstehe die Stimmen noch immer nicht. Ich fixiere wieder die hölzerne Tür, welche vor mir liegt. Plötzlich öffnet sich die Tür und es treten endlich unsere beiden Hauptpersonen auf. Als erstes erscheint der beschäftigte Professor John (Andrej Kaminsky) im Raum, die stille, schüchterne Studentin Carol (Katja Sieder) folgt ihm.

Die Handlung von “Oleanna” ist komplex und emotional aufwühlend. Carol bittet ihren Professor um ein Gespräch, da sie befürchtet die Prüfung nicht zu bestehen. Denn sie versteht weder die Vorlesung des Professors noch sein Buch. Im Verlauf des Gesprächs  bietet er ihr Hilfe an. Er könne mit ihrem Schicksal und ihrer Person sympathisieren. Diese Situation ist der Ausgangspunkt eines Konfliktes, der Opfer und Täter*in-Rollen verschwimmen lässt: Carol meldet John wegen sexistischen Verhaltens und Grenzüberschreitung in Form “pornographischer Ausdrücke” bei der Berufungskommission an. Die Inszenierung verhandelt  im Rahmen von drei Akten Fragen nach objektiver Wahrheit, Schuld und Gerechtigkeit.

Richtig sympathisieren will man als Zuschauerin mit keiner der beiden Figuren: Die Thematik ist vielschichtig und man kann sich von den Geschehnissen aufgrund des VR Formats nicht wirklich distanzieren. Zudem schmerzt der enge Bund der VR-Brille und die Augen werden stark beansprucht durch das leicht unscharfe Bild, sodass die erste Pause eine kurze Erlösung ist.

Der zweite Akt  spielt in einem anderen Setting: Alles ist schwarz, es gibt keinen konkreten Raum und das Zeitgefühl ist auch verschwunden. Ich sehe nur Carol und John, welche sich gegenüber sitzen und ein Streitgespräch führen. Blicke ich nach vorne sehe ich Johns Gesicht in Nahaufnahme. Blicke ich nach rechts sehe ich eine Großaufnahme von Carol. Während ich mich mit dem Drehstuhl bewege, stelle ich fest, dass aufgrund der 360 Grad Kamera insgesamt vier Einstellungen zu sehen sind, welche John und Carol in Groß-und Nahaufnahmen während des Gesprächs zeigen. Man befindet sich wortwörtlich zwischen den Stühlen.

Das Machtverhältnis innerhalb des Konfliktes hat sich umgekehrt und dementsprechend tritt auch die Figur Carol selbstbewusster auf. Kalt, rebellisch, feministisch und empathielos beschreibt sie John. Am Ende des zweiten Aktes eskaliert das Gespräch: Die von Gewalt geprägte Szene wird jedoch nur abstrakt vermittelt, indem die Schauspieler*innen die Situation mittels Text beschreiben: Carol will gehen, wovon sie der verzweifelte John versucht abzuhalten. Er hält sie fest. Sie wehrt sich. Es endet im wilden Geschrei. Pause.

Plötzlich sitze ich allein und irritiert in einem Hühnerstall. Ich bin erleichtert, als mich kurze Zeit darauf Katja und Andrej, die Darsteller*innen in “Oleanna”, finden und mich in das Freilaufgehege nach draußen mitnehmen. Dort wird das Stück weiter fortgesetzt. Im letzten Akt fallen die Schauspieler*innen immer wieder aus ihren Rollen und verhandeln die Positionen und Sichtweisen der Figuren. Das wirkt anfangs befreiend, denn damit wird die emotional aufgeladene Situation entschärft. Zudem wird mir damit die Möglichkeit geboten, wieder in meine Perspektive der Beobachterin zu gelangen.

War der erste Akt noch realistisch, so war der zweite abstrakt und der dritte Akt im Hühnerkäfig ist nun nahezu surreal. Mein persönliches Highlight: Die Soufflage im Hühnerkostüm, die auf einem Baumstamm sitzt und den Text der Spielenden mitliest. Die Stimmung bleibt aber nicht lange heiter, denn Carol und John finden sich in ihrem Streitgespräch wieder. Carol erklärt John, dass sie ihn vor dem Strafgericht angeklagt hat wegen versuchter Vergewaltigung. Die Situation eskaliert.

Das 90 minütige VR-Erlebnis war für alle anwesenden Zuschauer*innen physisch und mental eine anstrengende Erfahrung. Besonders überzeugen tut Andrej Kaminsky, der mit seiner souveränen Spielweise der Figur John eine gewisse Glaubhaftigkeit einhaucht. Die Inszenierung macht nicht nur die gegensätzlichen Positionen in Bezug auf Machtmissbrauch sichtbar, sondern veranschaulicht auch die Schwierigkeit für eine Seite Partei zu ergreifen. Hier gibt es kein schwarz oder weiß, kein gut oder böse. Genauso wenig wie in der Realität.

Hier gehts zu Stellas Illustration und Gedicht

Zur Produktion

Eine Produktion vom Staatstheater Augsburg

Inszenierung: Axel Sichrovsky
Kostüme: Jan Steigert
Dramaturgie: Sabeth Braun
Kamera, Ton & Produktion: Heimspiel
Regieassistenz: Ana Wybkea Gutschke
Produktionsassistenz: Maria Trump

Mit Katja Sieder und Andrej Kaminsky

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