Ein Spiegel der Gesellschaft und was zum Aufruf noch fehlt

Sibylle Bergs Text „Und jetzt: die Welt!“ verhandelt die Sinnkrisen einer jungen Generation: Neoliberalismus, Geschlechterrollen und Sehnsucht sind zentrale Themen des Stückes. Jojo Rösler und Sina Dresp spielen neben Anouk Elias in Catja Baumanns gleichnamiger Inszenierung mit, die zu den diesjährigen Bayerischen Theatertagen eingeladen ist. Wir haben mit den beiden Schauspielerinnen vom Mainfranken Theater Würzburg gesprochen - über das Stück, die Probenprozesse und ihre Wünsche ans Theater. Fotos: Nik Schölzel

Ein Interview von Stella Bayer

Redaktion: Hallo ihr beiden, schön, dass ihr da seid! Wie fühlt es sich für euch an, nun in Bamberg am ETA Hoffmann Theater zu spielen?

Sina Dresp: Schön, ich freu mich da darauf. Man kann natürlich auch kritisch sein: Neuer Raum, neue Akustik. Die Bühne, auf der wir normalerweise spielen, ist sehr komprimiert.

Jojo Rösler: Wir haben uns alle riesig gefreut, dass wir eingeladen wurden und sind jetzt total gespannt, wie es ist, das Stück in einer anderen Stadt zu spielen. Und Theaterfestivals sind immer toll!

Redaktion: Sibylle Berg verhandelt in ihrem Stück die Gedanken einer jungen Frau, die ihr bisheriges Leben reflektiert. Inwiefern haben eure Erfahrungen als weiblich gelesene Personen in den Probenprozessen eine Rolle gespielt? Habt ihr Parallelen zu euch selbst wahrgenommen?

Jojo Rösler: Am Anfang hat mich der Text total wütend gemacht und ich mochte ihn nicht wirklich. Aber je mehr wir uns damit beschäftigt haben, desto mehr habe ich entdeckt, dass er viel mit unserer Generation zu tun hat. Mittlerweile spiele ich das Stück sogar sehr gerne und kann auch mit dem Text viel mehr anfangen. Es war am Anfang schwierig, weil es mich irgendwo selbst erwischt hat, dagegen wollte ich mich erstmal wehren.

Sina Dresp: Mir ging es ehrlich gesagt ähnlich. Ich habe nicht von Anfang an mitgeprobt, weil ich erst später eingesprungen bin. Deswegen hatte ich nicht die Chance, den ganzen Probenprozess mitzuerleben und war plötzlich mit diesem Text konfrontiert. Es gab einige Stellen, mit denen ich mich total identifizieren konnte und dann kam das komplette Gegenteil und ich dachte mir: „Nee! Also Entschuldigung! Was ist das denn für eine Scheiße?“. Aussagen, die mich einfach wütend gemacht haben, weil sie Stereotype wiederholen.

In der Bearbeitung, Auseinandersetzung und in dem Dialog mit den Zuschauer*innen, ist mir dann aber auch vieles klar geworden. Denn die haben sich in dieser Zerrissenheit und Widersprüchlichkeit total wiedergefunden.

Redaktion: Bergs Texte zeichnen sich durch ihren kritischen Blick auf unser Heute aus. Sie untersucht eine Gesellschaft, die von Neoliberalismus, Geschlechterrollen und Sinnkrisen geprägt ist. Bei vielen Textstellen stellt sich mir selbst die Frage, ob es sich um zynische Übertreibung handelt oder ob die Dinge einfach radikal benannt werden. Wie geht ihr als Schauspieler*innen mit so einem Text um?

Sina Dresp: Es gibt Textstellen, die vieles sehr stark, prägnant und schonungslos auf den Punkt bringen – was ich auch total mag! Zum Beispiel Passagen über eine Seuche, den Weltuntergang und Kapitalismuskritik. Diese Textstellen, die die Sinnlosigkeit dieses Systems vor Augen führen, sind super spannend.

Auf der anderen Seite gibt es Aussagen im Stück, die diffamierend sind und die haben mich erstmal vor Fragezeichen gestellt. Etwa Passagen mit sogenannten „Hausfrauen in Stulpen“ und die Aussage dazu: “Was ist das überhaupt? Hausfrau? Die sind nur zu Hause und warten darauf, dass jemand zurückkehrt…”. Wir haben dann erarbeitet, wie das gemeint ist und wie wir damit umgehen.

Jojo Rösler: Ich kann Sina nur zustimmen. Ich habe im Probenprozess festgestellt, dass der Versuch, zu diesen Stellen eine ironische Distanz einzunehmen, nicht gelingt. Und dann wird es unangenehm. Weil das zur Folge hat, dass wir uns als Schauspieler*innen darüber erheben. Für mich war es Teil des Prozesses, in das Stück reinzukommen. Und dabei auch alles ernst zu nehmen und es dem Publikum zu überlassen, Gedanken weiterzuführen.

Redaktion: Sybille Berg hält dem Menschen einen Spiegel vor, zeigt die Absurdität, Sinnlosigkeit und Überforderung im menschlichen Leben auf. Gleichzeitig werden kaum Antworten oder Alternativen gegeben. Ist das ein Text, der zur Veränderung und Tatendrang aufruft? Was ist die Botschaft des Textes für euch?

Sina Dresp: Ich befürchte, dass Sibylle Berg aufzeigen wollte, dass wir eben viel darüber reden und uns viele Gedanken machen, aber im Endeffekt nicht wirklich etwas passiert. Obwohl ich auch sagen muss, dass ich mir eigentlich immer wieder wünsche, dass es im Stück Antworten gibt und uns ein konkreter Weg gezeigt wird.  

Jojo Rösler: Ich erhoffe mir aber auch grundsätzlich mehr vom Theater. Ich würde mir wünschen, dass mehr Stücke gespielt werden, wo auch Utopien und Alternativen gezeigt sowie neue Denkmuster aufgemacht werden. Sowas kann einem bewusst machen, dass es eben doch anders geht. Es ist Aufgabe unserer Zeit, dass wir grundsätzliche Verhaltensmuster reflektieren und sie verändern. Dabei könnte das Theater helfen.

Redaktion: Es heißt ja, „ein Text für mehrere Stimmen“. Das spiegelt sich auch in der Textform wider: Man fällt sich gegenseitig ins Wort und vollendet gemeinsam die Sätze, wodurch sich ein besonderer Rhythmus ergibt. Wie seid ihr in der Vorbereitung damit umgegangen?

Jojo Rösler: Ja, das war auf jeden Fall eine große Herausforderung. Zuallererst haben wir viel über den Text gesprochen und ihn gemeinsam gelesen. Dadurch wurde bereits im gemeinsamen Lesen ein erster Rhythmus gefunden. Im weiteren Probenprozess haben wir immer mehr zueinander gefunden, so hat es sich ganz organisch ergeben, dass wir Teile abwechselnd sprechen – jeweils allein und dann wieder im Chor. Eigentlich denken wir den ganzen Text zusammen.

Sina Dresp: Dadurch, dass ich später eingestiegen bin, war ich mit dem bereits erarbeiteten Text konfrontiert, der schon aufgeteilt war und auch schon einen Rhythmus hatte. Ich habe mir die Aufnahmen immer wieder angeschaut und die Rhythmen gehen dann schon. Das ist eigentlich ein bisschen wie bei Musik. Ich habe versucht, meine Parts im Kopf von den anderen abzusetzen. Ich finde es zudem eine total schöne Erfahrung, gemeinsam diese Figur zu spielen und sie zusammen entwickelt zu haben.

Redaktion: Ich würde nun zur letzten Frage kommen. Am Samstag ist es schon so weit. Was wäre euer Wunsch: Mit welchem Gefühl oder Gedanken soll das Publikum die Aufführung verlassen?

Jojo Rösler: Ich wünsche mir, dass die Aufführung das Publikum nicht kalt lässt. Ich könnte auch verstehen, wenn man rausgeht und sich angegriffen oder wütend fühlt. Eine schöne Rückmeldung und Reaktion war, als Leute unserer Generation gesagt haben: „Ich habe mich wiedergefunden und viele meiner Gedanken entdeckt“.

Sina Dresp: Depressionen nehmen ja auch immer mehr zu. Es wird oft so getan, als wäre das ein persönliches Problem. Aber es muss auch außen etwas getan werden, damit sich innen etwas verändern kann. Man denkt sich viele Dinge, redet aber nicht drüber. Und deswegen tut es gut zu realisieren, dass jemand das aufschreibt und im Theater viele sitzen, die sagen: Ich finde mich wieder!

Redaktion: Vielen Dank für eure Zeit und die Einblicke in eure Gedanken zum Stück. Ich freue mich sehr auf die Vorstellung am Samstag!

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