Die Odyssee der St. Louis

„Die Reise der Verlorenen“ ist eine Produktion von theaterlust aus Haag in Oberbayern und koproduziert vom Altonaer Theater Hamburg. Unter der Regie von Thomas Luft nimmt die Inszenierung das kollektive Schicksal von 1000 jüdischen Geflüchteten im Jahr 1939 auf einem Schiff von Deutschland nach Kuba in den Blick. Am Zielhafen angekommen, erhält die St. Louis keine Landegenehmigung. Die Passagiere, geplagt von der Sorge, wieder nach Deutschland zurückkehren zu müssen, werden plötzlich zum Spielball politischer und wirtschaftlicher Machenschaften. Fotos: Hermann Posch

Ein Nachgespräch von Mareike Eissing und Jonas Krüger

Jonas: Hallo Mareike, wie hast du denn den Beginn des Stückes empfunden?

Mareike: Beeindruckend. Die Inszenierung beginnt ja mit der Ankunft der jüdischen Passagier*innen auf einem Schiff am Hamburger Hafen, eingeleitet durch das Spiel eines in Weiß gekleideten Cellisten auf einer dunklen Bühne.

Jonas: Es gab einige musikalische Einschübe: Zum Beispiel die verzerrten Celloklänge am Anfang des Stückes. Dieses Quietschen und Knarzen hat gleichzeitig auch an Meeresrauschen erinnert. Wenn das Schiff sich Kuba nähert, ähnelt die Musik schon fast einem Tango. Das transportiert diese Hoffnung: „Jetzt entkommen wir endlich den Nazis!“

Mareike: Ich fand es auch eine gute Entscheidung, den jüdischen Passagier*innen im Hintergrund der Bühne mittels choreographischer Elemente einen eigenen Raum zu geben und sie so stets präsent zu halten, während im Vordergrund die verantwortlichen Figuren über ihr Schicksal debattierten. Auch die Szene mit dem rhythmischen Stampfen der jüdischen Reisenden zu hebräischen Gesängen ermöglicht es, den Figuren Handlungsfähigkeit, Stimme und Würde zu verleihen.

Jonas: Genau. Denn die Einzelschicksale der Figuren gingen schnell unter durch die vielen politischen Verhandlungen über die Aufnahme der Geflüchteten. Gerade die persönlichen Geschichten fand ich spannend, denn die Figuren basieren ja auf realen Personen. Der Autor hat mit historischen Quellen gearbeitet, mit Berichten und Tagebüchern. Das hat die Geschichte für mich direkt plastischer und greifbarer gemacht.

Mareike: Durch die Figurenmonologe zu Beginn und gegen Ende des Stücks konnte das Publikum die Lebensgeschichten und Beweggründe der jüdischen Menschen nachvollziehen. Manche von ihnen waren bereits vor der Abreise aus Hamburg in einem Lager inhaftiert gewesen. Mit der Flucht über den Seeweg übergaben sie ihr Schicksal in die Hände der deutschen Schiffskompanie.

Jonas: Doch die zwang die jüdischen Passagier*innen sogar Retourtickets zu kaufen, obwohl die Situation in Deutschland um 1939 für jüdische Einwohner*innen bereits lebensbedrohlich war.

Mareike: Ich erinnere mich, wie eine Passagierin in einem Monolog reflektiert, dass ihr das Leben an Bord und das freundliche Verhalten mancher Besatzungsmitglieder vorkommen wie eine perfide und verkehrte Welt, nachdem sie menschenverachtende Misshandlungen durch die Nationalsozialisten erfahren hat.

Jonas: In der Inszenierung wurde des Öfteren mit Rückblenden gearbeitet: Da kamen dann u.a. transparente Leinwände zum Einsatz, eines der Hauptelemente des Bühnenbildes von Manuela Hartl, Sarah Silbermann und Thomas Luft. Sehr minimalistisch. Aber durch die Möglichkeit, Fotos auf die Leinwand zu projizieren, konnten zahlreiche Referenzen hergestellt werden. Es gibt da zum Beispiel diesen jüdischen Vater, dessen Töchter auf dem Schiff sind. Er befindet sich auf Kuba und versucht, zu ihnen zu gelangen. Dann werden tatsächlich historische Fotos von Kindern mit Fluchterfahrung eingeblendet. Ein anderes Mal sehen wir den kubanischen General Fulgencio Batista, der ein Interesse daran hat, die Flüchtlinge abzuweisen.

Mareike: Ein weiteres einprägsames Element des Bühnenbildes waren die Jacken, aufgehängt an einer Bugnetz-ähnlichen Konstruktion. Zu Beginn haben die Kleidungsstücke im Dunkeln wie schwebende Seelen gewirkt, später wurden sie von der Reling auf die Bühne geworfen, um das Sterben zu symbolisieren.

Jonas: Ja, ich konnte mich wirklich in dem Bühnenbild verlieren, das fand ich sehr schön. Ich konnte den Dialogen folgen, während der Kapitän im Hintergrund resignierend von der Reling in die Ferne schaut oder eine Tanzchoreografie aufgeführt wird. Wie hast du denn das Ende wahrgenommen?

Mareike: Gerade der Schluss führt das tragische Ausmaß des Schreckens vor Augen: Es endet mit der Entscheidung, 937 jüdischen Menschen die Einreise zu verwehren. Nach der wochenlangen Irrfahrt werden die Geflüchteten in vermeintlicher Sicherheit auf verschiedene westeuropäische Staaten verteilt. Doch viele der Figuren des Stückes sterben bald darauf im Krieg oder durch die Shoa.

Jonas: Ja, Erschütterung trifft es für mich ganz gut. Entsetzen auf jeden Fall auch. „Die Reise der Verlorenen“ endet jedenfalls ähnlich, wie es angefangen hat. Nämlich mit Monologen, die die einzelnen Schicksale beleuchten. Wenn ich mich richtig erinnere, gibt es kein wirklich gutes Ende – für keine der Figuren. Und selbst wenn die Figuren überlebt haben, tragen sie eine sehr große Schuld mit sich. Denn auch der Krieg, den sie überlebt haben, wird sie ein Leben lang zeichnen, das können sie nicht hinter sich lassen.

Mareike: Mir ist ein Moment besonders im Gedächtnis geblieben: Otto Schiendick, ein NSDAP Ortsgruppenleiter, der in den letzten Kriegstagen erschossen wird, versuchte beim Publikum Mitleid für sein Lebensende zu erregen. Er wendet sich direkt an das Publikum und fragt, ob er nicht gleichfalls “ein Toter zu viel” sei? Mehrere bittere Stimmen aus dem Publikum antworteten instinktiv und deutlich: „Nein!" Diese Reaktion bildet die Ausnahme zu der sonst eher still-bedrückten Atmosphäre im Saal.

Jonas: An die Stelle kann ich mich auch noch gut erinnern. Das war spannend. Die Schauspieler*innen haben das ganze Theaterstück über immer wieder versucht, das Publikum durch Fragen einzubinden. Zum Schluss eben: Ist der Tod ein Gleichmacher? Sind wir im Tode alle gleichermaßen vereint oder eben auch nicht?" Diese zentralen Fragen des Stückes wirken bei mir nach.

Mareike: Ein gutes Schlusswort. Danke dir für das Gespräch!

Zur Produktion:

eine Produktion von theaterlust (Haag i.OB) und dem Altonaer Theater Hamburg
Regie: Thomas Luft
Text: Daniel Kehlmann nach dem Buch „Voyage of the Damned“ von Gordon Thomas und Max Morgan-Witts
Bühne: Manuela Hartel, Sarah Silbermann, Thomas Luft
Videogestaltung: Manuela Hartel
Kostüm: Sarah Silbermann
Musik: Florian Miro, Jonathan Wolters
Choreografie und Bewegungsarbeit: Búi Rouch

mit Ben Daniel Jöhnk, Florian Miro, Jonathan Wolters, Judith Riehl, Kathrin Steinweg, Edith Konrath, Konstantin Moreth, Johannes Schön, Roland Peek
Sebastian Prasse

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