Ein Anti-Helden-Epos mit fragwürdigem Frauenbild und viel Testosteron

Das Bamberger Theater im Gärtnerviertel zeigt den Klassiker „Peer Gynt“ nach Henrik Ibsen in einer Bearbeitung und Inszenierung von Heidi Lehnert. Zu sehen gibts zwei Stunden männliches Pathos und erschütternden Sexismus. Unsere Autorin Milena Behr hinterfragt in diesem Kommentar sexistische Rollenbilder und patriarchale Gewalt auf der Bühne. Dabei stellt sie die zentrale Frage: Wie kann Theater in Zukunft mit männlich geprägten Klassikern umgehen? Foto: Werner Lorenz

Ein Kommentar von Milena Behr

Wenn von Frauenfeindlichkeit die Rede ist, geht es um die Diskriminierung von weiblich gelesenen Personen sowie allen Menschen, die sich als Frau identifizieren. Deshalb wird in diesem Text unter anderem die Bezeichnung FLINTA verwendet, ein Sammelbegriff, der für (Cis)Frauen, Lesben, intersexuelle, nichtbinäre, trans*- und agender-Personen steht.

Früher hat’s das nicht gegeben: Frauen auf der Bühne. Also, ganz, ganz früher. Bis etwa ins 18. Jahrhundert konnten nur Männer Schauspieler werden. Bei der „Peer Gynt“-Inszenierung von Heidi Lehnert am Theater im Gärtnerviertel, kurz TiG, könnte man allerdings meinen, Frauen dürften eine Bühne immer noch nicht betreten. Das „tragikkomische Anti-Helden-Epos für drei Herren und ein Schlagzeug“ nach Henrik Ibsen kommt mit einer rein männlichen Besetzung aus. Das kann jetzt zwei Ursachen haben. Erstens: Weibliche Schauspieler*innen waren nirgends aufzutreiben. Klingt jetzt nicht so wahrscheinlich. Zweitens: Das künstlerische Team hat sich bewusst entschieden, nur männlich gelesene Darsteller spielen zu lassen. Dafür braucht es aber einen guten Grund: Etwa weil der Fokus auf der Figur des Peer Gynt liegen und durch männliche Schauspieler eine möglichst große Identifikation hergestellt werden soll. Die Frage ist nur, wer sich mit dieser Darstellung identifizieren möchte.

Ibsens Stück erzählt von Peer Gynt, ein Junge aus einer verarmten Familie, der mit Lügengeschichten Reichtum erlangt und wieder verliert. Seine Betrügereien machen vor keiner Bettkante halt, er schläft mit diversen Frauen, liebt aber nur eine: Die schöne Solveig, von der man in der Inszenierung nicht weiß, ob sie existiert oder doch nur Einbildung Peers ist. Natürlich können Männer auch Frauenrollen spielen und umgekehrt. Aber dann ist das eben eine Frage des wie. Die drei Schauspieler Benjamin Bochmann, Martin Habermeyer und Stephan Bach packen bei ihrer Darstellung von Frauen unzählige sexistische Klischees aus. Da werden Sektgläser mit abgespreizten Fingern gehalten, affektierte Posen eingenommen und die Stimmen zu einem hohen Säuseln verstellt.

Stereotype und misogyne Frauenbilder

Bezeichnend ist auch der peinliche Moment, als sich Martin Habermeyer als die von Peer Gynt betrogene Ingrid in ihrem Brautkleid heulend auf dem Bühnenboden wälzt. Klar, so sind Frauen: Erst wollen sie Sex und dann flennen sie rum, wenn er sie verlässt!
Ähnlich verhält es sich mit der Trollfrau, die ein Kind von Peer erwartet. Mit wasserstoffblonder Perücke und hysterischem Lachen wallt sie als rachsüchtige Furie über die Bühne. Das gemeinsame Kind ist übrigens ein zweiköpfiger Troll mit den Gesichtern von Putin und Trump. Hahaha, köstlich, köstlich!
Alle nennenswerten Frauen in der Inszenierung sind ausschließlich als Geliebte oder Sexualpartnerin Peer Gynts wichtig für die Handlung. Wenn Frauen in anderem Kontext erwähnt werden, dann als „drei Sekretärinnen und eine Haushälterin“, die für den mit seinen Lügengeschichten reich gewordenen Peer Gynt arbeiten. Oder aber als „Frau und Kinder“, die im letzten Akt zuhause auf die Seeleute warten.

In den 1980ern Jahren entwickelte die US-amerikanische Cartoonzeichnerin Alice Bechdel den sogenannten Bechdel-Test, der durch drei simple Fragen die Repräsentation von Frauen in Filmen ermittelt. Wenden wir diesen Test mal spaßeshalber auf die TiG-Inszenierung von „Peer Gynt“ an: 1. Frage: Gibt es mindestens zwei Frauenrollen? Es gibt sogar drei: Ingrid, ehemalige Sexualpartnerin Peer Gynts. Eine namenlose Trollin (sagt man das so?), ebenfalls ehemalige Sexualpartnerin der Hauptperson. Und Solveig, Peers Geliebte, von der man aber nicht sicher sein kann, ob sie wirklich existiert. 2. Frage: Sprechen sie miteinander? Nein. Also erübrigt sich Frage 3: Unterhalten sie sich über etwas anderes als einen Mann? Folglich ist die Inszenierung glorios durchgefallen. Macht aber nichts. Frauen machen nur etwa die Hälfte der Menschheit aus und können daher leicht vergessen werden.

Doch nicht nur die eindimensionale Darstellung und mangelnde Repräsentation von Frauen ist sexistisch, sondern auch die Sprache. Da werden Mädchen „gekriegt“ oder „weg[geschleppt] wie eine Schweinehälfte“. Indien ist in dieser Inszenierung „bekanntlich mehr als schöne Frauen und Elefanten“ und in Bulgarien „hieß es dann den ganzen Tag singen und tanzen und Mädchen“. Und natürlich: „Der Teufel hole alle Weiber!“ Schon klar, Ibsens Text stammt aus dem 19. Jahrhundert, „da war das eben so!“. Damals, in der guten alten Zeit, in der Frauen nicht wählen oder selbstbestimmt arbeiten durften und ihre Existenz – gesellschaftlich gesehen – ausschließlich dem Dasein als Mutter und Ehefrau diente. Merkste selber, oder?

Kritischer Umgang mit Klassikern

Doch darin liegt ja gerade der Reiz des Theaters: Dass bekannte klassische Werke in die Gegenwart übersetzt und kritisch bearbeitet werden können. Die Kunstform Theater bietet zahlreiche Möglichkeiten, auf frauenfeindliche Sprache und misogyne Geschlechterbilder zu reagieren. Dafür ist eine bewusste und sensible Auseinandersetzung mit patriarchal geprägten Strukturen des Textes notwendig, die sich auch in der Inszenierung abzeichnet. Peer Gynt als Anti-Held reicht nicht aus und prangert Sexismus nicht an. Mit Testosteron geprägten Pathos tragen Bochmann, Bach und Habermeyer ihre Texte vor, erklimmen Leitern und Tische und stehen betont breitbeinig da. Man könnte es als Kritik an toxischer Männlichkeit lesen, das hätte durchaus interessant sein können. Aber im Kontext dessen, dass zugleich ein völlig unreflektierten Frauenbild gezeichnet wird, ist die Darstellung der Figur Peer Gynt wohl nur eins – peinlich.

Es mag auf den ersten Blick lustig wirken, wie die drei Schauspieler mit hohen Stimmen und affektiert gehaltenen Sektgläsern Frauen ins Lächerliche ziehen. Ist es aber nicht. Es ist frauenfeindlich, hochproblematisch und vor allem in Anbetracht von #MeToo und vielfältigen feministischen Debatten nicht mehr zeitgemäß. Stellt sich die Frage, wie eine moderne und reflektierte Interpretation eines „Anti-Helden-Epos“ aussehen könnte. Ein Anfang wäre, Darstellerinnen in die Produktion zu holen, so schwer ist das nicht. Zudem sexistische Sprache und misogyne Frauenbilder nicht zu reproduzieren und zu hinterfragen, wie FLINTA-Personen in der Textvorlage repräsentiert und dargestellt werden. Oder, und jetzt lehne ich mich ganz weit aus dem Fenster: Sich die Frage stellen, was an „Anti-Helden-Epen“ noch erzählenswert ist. Vielleicht brauchen wir keine Geschichte von weißen, triebgesteuerten Männern, die an ihren Lügengeschichten scheitern. Vielleicht brauchen wir im Theater Geschichten von FLINTA-Held*innen. Ja, das wär’s doch: Ein modernes Held*innen-Epos, denn Anti-Helden gibt es schon genug.

Zurück