Der Tanz der Wut

„Kitzeleien – Der Tanz der Wut” von Andréa Bescond und Eric Métayer verhandelt mit Elementen des Schauspiels und Tanzes die Betroffenheit von sexualisierter Gewalt. Wir haben uns mit der Schauspielerin und Tänzerin Lucca Züchner über Möglichkeiten und Grenzen des tänzerischen Ausdrucks sowie über die Herausforderungen, die mit solch einer Arbeit einhergehen, unterhalten. Fotos: Redaktion

Ein Interview von Janina Müller

Redaktion: Hallo Lucca, schön, dass du da bist. Es freut uns sehr, dass es noch geklappt hat!

Lucca Züchner: Die Freude ist ganz meinerseits.

Redaktion: Wie kam das Stück zu dir?

Lucca Züchner: Oh, das ist eine längere Geschichte. Ich versuche sie knapp zu halten, weil es eine Verkettung von ganz tollen, schönen Zufällen war. Insgesamt hat es zwei Jahre Vorlauf gehabt. 2019 hat mich eine ehemalige Dozentin aus der Studienzeit angefragt, ob ich nicht an einem Stück aus Frankreich mitwirken möchte. Das Stück erfordert ganz viel körperliche, tänzerische Aspekte, aber auch wahnsinnig schnelle Wechsel und sie meinte, dass ich das ja so gut könne. Zuerst habe ich gedacht: "Ohman, das ist ja ein riesen Paket! Ein sehr, sehr forderndes Stück. Das mach ich mal, wenn ich auch die Zeit dazu habe." Ich war ja mitten im Spielbetrieb. Dann kam die Coronakrise und ich hatte auf einmal sehr viel Zeit. So habe ich 2020 im Frühjahr mit dieser Arbeit begonnen und versucht, mit meinem Partner und dem Regisseur den Monolog aus Frankreich zu einer deutschsprachigen Erstaufführung zu bringen.

Am Anfang war unsere Arbeit an kein Haus angeknüpft und wir mussten uns auf die Suche nach einem Ort begeben, der uns entsprechende Bedingungen zum Arbeiten schafft. Glücklicherweise haben wir die Kulturbühne Spagat aus München gefunden, das einzige Haus, das sich dem Thema annehmen wollte. Generell ist es schwierig, unser Vorhaben zu bewerben. Im ersten Moment ist dann häufig die Reaktion "ah, Monolog, sexueller Missbrauch, schwieriges Thema". Dabei bietet die Inszenierung einen recht leichten Zugang und beinhaltet, soweit möglich, auch unterhaltsame Elemente. Nur erwartet man das nicht, da ist erstmal eine Berührungsangst da. Im Frühjahr 2021 hatten wir dann endlich Premiere. Ich glaube wir haben vor nur vor 15 Leuten gespielt wegen der hohen Corona-Inzidenz. Aber jetzt sind wir hier und durften im Rahmen der Bayerischen Theatertage spielen. Das ist großartig für uns!

Redaktion: Glaubst du, dass Tanz und Choreographie einen besonders sensiblen Umgang mit sexualisierter Gewalt ermöglichen?

Lucca Züchner: Ja, das glaube ich. Immer dann, wenn man explizit Handlungen oder Situationen darstellen müsste, weicht die Autorin ganz toll in tänzerische Elemente aus. Denn Tanz ist auch ihre Ausdrucksform. Sie sorgt für eine abstrakte Darstellungsweise, die man nicht innerlich wegdrücken muss, um sich zu schützen. Die Inszenierung enthält gewalttätige und unangenehme Aspekte, wodurch der Zuschauer sehr schnell eine emotionale Distanz herstellt. Doch der Tanz erlaubt es, dass man einfach dabei sein darf, ohne dass man sich so schrecklich betroffen fühlen muss oder sich schämen muss für das, was auf der Bühne passiert.

Redaktion: Hat sich deine Perspektive auf sexualisierte Gewalt durch diese Arbeit verändert?

Lucca Züchner: Ja total. Ich bin keine Betroffene, aber jede Frau in meinem Umfeld hat ähnliche, wenn auch abgewandelte Formen von Übergriffigkeiten erlebt. Sei es wirklich nur eine Hand auf dem Knie oder mal eben eine Hand ein bisschen zu nah an der Brust beim Umarmen. Wenn dir das passiert, denkst du sofort: Was? Irgendwie ist da was komisch, das ist seltsam. Wir alle kennen diese Form von Verstummen in so einem Moment. Dieses Verstummen hat mir das Stück nochmal besonders vor Augen geführt. Es macht mich nach wie vor völlig perplex, wie es sein kann, dass wir dann auf einmal verstummen, obwohl wir so kraftvolle Menschen sind. Die Inszenierung trägt ja den Titel "Kitzeleien - der Tanz der Wut". Die Wut wird ständig in etwas Anderes gepackt, weil diese Enttäuschung da ist, die man in dem einen Moment nicht direkt veräußern kann. Diese Umgangsweise kann ich sehr gut nachvollziehen. Man fragt sich schließlich: Wieso lasse ich das einfach über mich ergehen? Wir möchten den anderen nicht entblößen, obwohl uns selbst Unrecht angetan wird. Und da ist es tatsächlich auch egal, ob es sexualisierte Gewalt oder Rassismus oder andere Formen von Erniedrigung sind, es ist oft das gleiche Prinzip.

Redaktion: Es scheint, als würde der Tanz die Sprachlosigkeit gewissermaßen auch aufbrechen. Glaubst du, dass die Körpersprachein manchen Situationen mehr vermittelt als verbale Kommunikation?

Lucca Züchner: Ja. Sie kann ganz andere Emotionen übertragen. Worte werden sofort bewertet. Bewegung kann man hingegen einfach nur so wahrnehmen. Worte werden sofort in Schubladen gesteckt, aber eine Bewegung ist einzigartig. Außerdem reichen Worte manchmal auch einfach nicht aus, um diese Innenwelt abzubilden.

Redaktion: Kann Tanz bei dieser spezifischen thematischen Auseinandersetzung aber auch an ihre Grenzen geraten?

Lucca Züchner: Ja durchaus, die Kombination ist wichtig. Die Choreografie ist ja eingebettet in Szenen mit Dialogen, obwohl es sich eigentlich um einen Monolog handelt, was gar nicht so üblich ist. Es existieren innerhalb der Gedankenwelt der Hauptfigur mehrere Figuren und es findet eine ständige Aushandlung dessen statt, wofür sich der Dialog eignet. Da wo der Dialog allerdings nicht mehr weiter kommt und die Hauptfigur verstummen müsste, kann die Körpersprache übernehmen.

Redaktion: Mit welchen Herausforderungen sahst du dich konfrontiert?

Lucca Züchner: Kondition. Von der braucht es ganz viel. Es war am Anfang schwierig dieses Tempo herzustellen, ohne außer Atem zu geraten, weil beim Tanzen der Atem immer hoch rutscht. Beim Sprechen liegt das Zentrum aber im Bauch. Das ergänzt sich nicht so gut. Eine Kombination zu finden, sodass man nicht diese heftige Schnappatmung bekommt, ist schon eine Herausforderung. Hierfür musste ich viel trainieren, erstmal nur abschnittsweise. Dann habe ich nach und nach immer mehr Abschnitte zusammenfügen können. Des Weiteren war die textliche Arbeit ziemlich herausfordernd. 46 Seiten Text über anderthalb Stunden. Zudem hat jede Figur einen ganz eigenen Körperausdruck, womit Präzision wahnsinnig wichtig ist. Das war bis jetzt die intensivste Arbeit, die ich als Spielerin erleben durfte und es bleibt auch ein fortlaufender Lernprozess. Jeden Abend – auch gestern als ich hier im ETA Hoffmann Theater spielte – begegnen einem die Figuren ganz anders.

Redaktion: Sofern du darüber sprechen magst: Hat dich die explizite Missbrauchsthematik psychisch herausgefordert oder dir Schwierigkeiten bereitet?

Lucca Züchner: Ich bin ganz froh, dass ich mich durch diese Form dem Thema nähern durfte. Es ist tiefenpsychologisch nicht so schwer auszuhalten, weil es aufgebrochen ist in verschiedene Persönlichkeitsaspekte. Jeder Figurenwechsel bricht sofort den inneren Abgrund, der sich auftun kann. Es fängt mich selber immer wieder auf und das ist total gut. Da habe ich dann nicht dieses Gefühl des Opferseins, was man ja empfinden könnte. Schließlich ist auch der Überlebenskampf sehr präsent,  mit dem die Hauptfigur sich aus einer Opferrolle rausholt. Das hat total viel Energie, das gibt Kraft. Die Wut, welche ich am meisten generieren musste, hat aktiviert. Das Stück hat einfach eine produktive Energie.

Redaktion: Habt ihr vor, die Inszenierung auch an Schulen vorzustellen? Schließlich ist sexualisierte Gewalt ein wichtiges Thema, welches gerade auch in Bildungsinstitutionen mehr thematisiert werden sollte.

Lucca Züchner: Ja, unbedingt. Wir haben “Kitzeleien” in Bielefeld im Rahmen einer Vormittagsvorstellung aufgeführt. Das Publikum bestand aus Pädagogik-Studierenden, die Interesse daran haben, geschult zu werden, um zu erkennen, welche Menschen vielleicht besondere Aufmerksamkeit bräuchten. Manchmal ist es ja wirklich wahnsinnig schwer sexuellen Missbrauch zu bemerken. Auseinandersetzungen mit dem Thema verstummen schnell und der Alltag läuft wie gewohnt weiter, weil man sich ein Leben mit solchen Erfahrungen überhaupt nicht vorstellen kann. Wir möchten mit unserer Arbeit Aufmerksamkeit generieren, ein Bewusstsein für diese Thematik schärfen und beleuchten, wie viel Kraft es die Betroffenen kostet, sich zu äußern. Den Prozess sich zu äußern, wollen wir dabei unterstützen. Für mich wäre es ein riesen Geschenk, wenn ich mit Pädagogen zusammenarbeiten dürfte, auch mit Institutionen, die sich mit dem Thema und mit Betroffenen beschäftigen. Etwa mit Initiativen wie "Wildwasser" oder "Kein Täter werden", die sich gegen sexualisierte Gewalt einsetzen. Auch Kooperationen mit Schulen fände ich wichtig, da man statistisch davon ausgeht, dass pro Klasse ein oder zwei der Schüler betroffen sein könnten. Natürlich muss man dann eine sensible Umgangsweise finden. Wir haben eine Triggerwarnung in die Stückbeschreibung integriert, zumal wir auch nicht genau wissen, wie dann die Vor-, und Nacharbeit zu leisten ist. Deswegen brauchen wir definitiv Unterstützung von Pädagogen. Es wäre großartig, wenn es Interessierte gäbe, die mit uns zusammenarbeiten wollen.

Redaktion: Hoffentlich wird so eine Kooperation zukünftig Zustande kommen.

Lucca Züchner: Wir bemühen uns!

Zur Produktion

Eine Produktion der Kulturbühne Spagat (München)
Regie: Thorsten Krohn
Choreographische Einrichtung: Sophie Charlotte Becker
Dramaturgie: Stephanie Tschunko
Licht: Janik Valler
Musik-/Sounddesign: Moritz Haase

Mit Lucca Züchner

Mehr Infos hier

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