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“Klang des Regens”, eine Inszenierung von Miriam Ibrahim, handelt von der fehlenden Aufarbeitung deutscher Kolonialgeschichte. Generationsübergreifende Ohnmacht, Schweigen und  traumatische Erfahrungen werden anhand der fiktiven Figuren, eine Schwarze Enkelin und ihre weiße Großmutter, erzählt. Wir haben uns mit der Schauspielerin Maya-Alban-Zapata über die Möglichkeiten des Verstehens und des einander Zuhörens trotz Trauma sowie über die Frage nach der Verantwortung unterhalten. Foto: Jan Pieter Fuhr

Ein Interview von Janina Müller

Redaktion: Hallo Maya, bei “Klang des Regens” handelt es sich um eine Stückentwicklung. Das heißt, der Text ist während der Proben entstanden. Was hat der Produktionsprozess für dich bedeutet?

Maya Alban-Zapata: Während der Entwicklung des Stückes ging es sehr viel darum, die Figuren mit eigenen Erfahrungen und Erlebnissen zu füllen. Deswegen spielte auch mein Schwarzsein in einer weißen Mehrheitsgesellschaft eine große Rolle. Ich weiß nicht, wer mein Vater ist, das heißt: Ich weiß nicht, warum ich Schwarz bin. Das ist bei der Figur Mina, die Enkelin, ähnlich. Auch sie sucht nach ihren Wurzeln und will mehr über die ehemalige Kolonialherrschaft in Namibia erfahren. Die Stückentwicklung hat mich dazu gebracht, meine Geschichte nochmal zu überdenken. Zudem konnte ich durch die Figur der Großmutter, die Ute Fiedler spielt, Einblick in die Perspektive weißer Menschen auf Rassismus und Diskriminierung erhalten. Auch diese Sichtweise anzuhören und wahrzunehmen ist meines Erachtens für ein Miteinander total wichtig.

Redaktion: Sahst du dich während der Erarbeitung des Stückes mit bestimmten Herausforderungen konfrontiert?

Maya Zapata: Absolut. Wir haben sehr viele Texte gelesen und Dokumentarfilme über den Genozid in Namibia an den Herero und Nama gesehen. Das war zum Teil wirklich sehr verletzend, traumatisierend und schwierig. Da ich selbst Rassismus erfahre, weil ich nicht weiß gelesen werde, hat mich das sehr berührt. Zwischendurch stellt man sich die Frage: Warum mache ich das? Ich glaube, dass dieses Thema eine große Relevanz hat. Das ist der Grund, warum ich Teil dieser Produktion bin. Mein Sohn hat das Stück gesehen und wusste gar nicht, dass Deutschland auch Kolonien hatte und dass die deutschen Kolonialmächte  einen Genozid im Süden Afrikas verursacht haben. Ich hatte das Gefühl, dass ich mich diesen traumatisierenden Erfahrungen stellen muss, wenn ich was erreichen will. Ich hoffe, dass die Arbeit was bewirkt und eine Aufmerksamkeit auf ein Thema lenkt, welches mir persönlich wichtig ist.

Redaktion: Die beiden Hauptfiguren des Stückes sind die Großmutter und die Enkelin Mina. Stehen sie repräsentativ für zwei Generationen?

Maya Alban-Zapata: Das ist immer schwierig zu pauschalisieren. Es gibt sicher andere Enkelkinder auf der Welt, die fragen ”Wie hast du dich damals positioniert?” oder mehr über den Nationalsozialismus und Kolonialismus wissen wollen. Aber grundsätzlich ist die Welt divers und komplex. Es sind nicht alle Menschen dieser Generation, der auch die Großmutter aus dem Stück angehört, so sprachlos, wie sie es ist. Es haben nicht alle Menschen aus Minas Generation so einen besonderes Bedürfnis, diese Wut und diesen Durst, Antworten zu finden.

Redaktion: Das Stück handelt von einem Kommunikationsproblem zwischen Generationen. Mina stellt Fragen, auf die die Großmutter nicht antwortet. Können oder wollen Personen nicht über die Vergangenheit sprechen?

Maya Alban-Zapata: Es kommt auf die Leute drauf an, manche können nicht, manche wollen nicht. Wie gesagt, weiß ich nicht, wer mein Vater ist. Ich rede mit meiner Familie darüber und merke, dass da eine Barriere ist. Irgendwann habe ich mich dazu entschlossen, das zu akzeptieren und mir zu sagen: Okay, ich glaube, in dem Fall kann die Person nicht reden. Mir ist dann die Beziehung und die Liebe zu den Menschen in meinem Leben wichtiger, als jetzt unbedingt zu kriegen, was ich will und die Antworten sofort zu haben. Du darfst bei allem, was dir wichtig ist, nicht vergessen, dass das Gegenüber zu nichts verpflichtet ist. Du kannst nichts erzwingen. Dann ist man auf sich selbst gestellt, was natürlich traurig ist. Das ist zum Teil auch bei Mina der Fall. Sie empfindet eine große Einsamkeit in ihrem Umgang mit ihren Verletzungen und in ihrer Suche nach Wurzeln und nach Antworten auf Fragen wie “Wer bin ich? Wo komme ich her?”. Das kann ich auch nachvollziehen.

Redaktion: Wie könnten wir als Gesellschaft versuchen, Sprachlosigkeit zu überwinden?

Maya Alban-Zapata: Ich weiß es nicht, ich bin ja auch immer noch mit einer Sprachlosigkeit konfrontiert. Ich kann aber sagen: Ich versuche, es anders zu machen! Zum Beispiel versuche ich wahnsinnig ehrlich mit meinen Kindern zu sein, das ist natürlich auch mein Charakter. Ich bin einfach ein Mensch, der nicht große Angst davor hat, in Konflikte zu gehen und Sachen aus dem Weg zu räumen. Ich möchte es anders machen und ich bin extrem gut darin, es anders zu machen. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich Menschen in meinem Umfeld habe, die diesen Umgang nicht schaffen. Wenn ich also bestimmte Erfahrungen nicht gemacht hätte, dann hätte ich vielleicht nicht dieses Bewusstsein für Ungerechtigkeiten und Machtstrukturen in unserer Gesellschaft.

Redaktion: Diese unterschiedlichen Erfahrungswelten werden ja auch anhand der beiden Figuren thematisiert. Dennoch hatte man aber auch das Gefühl, dass Mina und ihre Oma es geschafft haben, eine Verbindung einzugehen. Was schafft deiner Meinung nach diese Verbindung?

Maya Alban-Zapata: Wertschätzung, Liebe, Interesse. Neugierde vielleicht auch. Ja, es ist einfach Liebe. Ich liebe meine Großmutter. Ich liebe meine Mutter. Ich liebe meinen Herz-Papa. Es ist Familie und das ist auch bei Mina und der Großmutter so, die lieben sich total.

Redaktion: Ein zentrales Thema des Stückes ist transgenerationale Traumata. Wie genau muss man sich die Weitergabe von Traumata vorstellen?

Maya Alban-Zapata: Ich bin vor allem Schauspielerin und kann dir das deshalb nicht genau erklären. Ich weiß, dass nachgewiesen wurde, dass Traumata weitergegeben werden können. Ich kann das für mich nur bestätigen. Es gibt in unserer Familiengeschichte verschiedene Muster, die sich immer wiederholt haben. Als ich meinen Sohn bekommen habe, 2005, habe ich gemerkt, dass da auch was in mir schlummert, was ich nicht kenne. Eine gewisse Verletztheit, Gewalttätigkeit. Im Alter von 17 bis 23 Jahren habe ich eine Therapie gemacht, mit dem Ziel mich von verschiedenen toxischen Beziehungen zu lösen, die einfach tief in meiner Familie verankert waren. Ich wollte aus diesem Teufelskreis von traumatisierenden Erfahrungen aussteigen.. Das ist das Beste, was ich je in meinem Leben gemacht habe. Diese fünf Jahre in eine Therapie zu investieren, um noch mal zu beleuchten: Was sind transgenerationale Traumata? Kann man raus? Was kann ich dagegen machen?

Redaktion: Im Stück wird auch die Frage nach der Verantwortung gestellt. Was bedeutet im Kontext von Kolonialismus und Rassismus Verantwortung?

Maya Alban-Zapata: Für mich bedeutet Verantwortung immer, sich selbst in Frage zu stellen, zuzuhören und andere Perspektiven zu respektieren. Eventuell auch den Mut zu haben, sich zu entschuldigen, wenn man andere Menschen verletzt hat – sei es durch gewollte oder nicht gewollte rassistische Handlungen. Ich denke, wir müssen als gesamte Gesellschaft Verantwortung übernehmen. Überall. Solange ich als Frau und als Schwarze Frau nicht davon ausgehen kann, mich in der Gesellschaft und im Theater sicher zu fühlen – und das Theater ist mein Zuhause – kann ich mit dieser Arbeit nicht aufhören.

Zur Produktion

Eine Produktion vom Staatstheater Augsburg

Regie: Miriam Ibrahim
Bühne/Video: Nicole Marianna Wytczak
Dramaturgie: Dr.Dr. Daniele G.Daude

Mit Ute Fiedler, Maya Alban-Zapata

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