Blackfacing und die deutschen Medien

„Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen“ ist das erste Buch der Autorin und Aktivistin Alice Hasters. Im Rahmen einer Lesung am ETA Hoffmann Theater wurden systematischer Rassismus und seine Geschichte, der Umgang mit Rassismus in Deutschland sowie die alltäglichen Erfahrungen der Autorin in den Blick genommen. Unsere Bloggerin Amira Hajredini berichtet und zeigt auf, dass auch das Theater eine immer noch rassistisch geprägte Institution ist. Fotos: Lukas Diller

Ein Kommentar von Amira Hajredini

„Anti-Schwarzer-Rassismus ist ein Problem der Amerikaner, so etwas gibt es in Deutschland nicht.“ Solch absurden Behauptungen musste sich die Schwarze Autorin Alice Hasters nach der Veröffentlichung ihres Buches „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen“ oft anhören. Es ist erst ein Jahr her, dass der Satiriker Helmut Schleich in der Show „SchleichFernsehen“ des Bayerischen Rundfunks mit einem schwarz bemalten Gesicht auftrat und sich über afrikanische Länder lustig machte. In einem der größten öffentlichen deutschen Fernsehsender war eine rassistische Praktik, die tief in der Kolonialgeschichte verwurzelt ist, mit einer Selbstverständlichkeit zu sehen, die stark an der Aussage zweifeln lässt, Deutschland hätte kein Rassismusproblem.

Sofort wurde das Video mehrfach in den sozialen Medien geteilt und Menschen äußerten ihre Fassungslosigkeit. Der Clip wurde als hoch rassistisch beschrieben, was die Produzent*innen der Folge sowie Schleich selbst nicht nachvollziehen konnten. Es handele sich nur um eine harmlose Parodie des ehemaligen CSU-Abgeordneten Franz Josef Strauss, die Bemalung der Haut sei nur ein Satiremittel gewesen. Und überhaupt, was sei denn mit Meinungsfreiheit und der Kunst der Satire? Festzuhalten ist jedoch, dass es sich bei dieser Aktion um weitaus mehr handelt als um unschuldiges Verkleiden. Die Show bediente sich des Blackfacings, einer der ältesten Formen Anti-Schwarzen-Rassismus.

Blackfacing ist eine Form stereotyper Nachahmung Schwarzer Menschen. Dabei färben sich weiße Menschen ihre Gesichter mit dunkler Farbe, malen sich riesige, übertriebene Münder und machen sich, oft auf alberne Art und Weise, über Schwarze Menschen lustig. Diese verzerrte Darstellung Schwarzer Menschen kann bis in das 19. Jahrhundert zurückverfolgt werden, als sich in den sogenannten „Minstrel Shows“ weiße Schauspieler*innen des Blackfacings bedienten und Merkmale und Eigenschaften in Form von Tanz und Musik sowie Verhaltensweisen nachahmten, die als stereotyp Schwarz konstruiert werden.

In ihrem Buch spricht Autorin Alice Hasters darüber, wie sie selbst mit solch einer grotesken Karikatur eines Schwarzen Mannes konfrontiert wurde. Nicht etwa in Form einer lebendigen Person, sondern als Spardose in einem Café in Deutschland. Die Spardose hatte die Form eines Schwarzen Mannes mit breitem Grinsen und roten Lippen, der seinen Mund aufsperrt, um das Geld der Gäst*innen zu verschlucken. Diese verzerrte Darstellung Schwarzer Menschen war früher nur allzu oft in diversen Medien wie Theater, Film und Fernsehen wiederzufinden und zeigt sich auch heute noch vereinzelt.

Zurecht verweist Alice Hasters während ihrer Lesung auf den Theaterbetrieb, der stark von der Überrepräsentation weißer Darsteller*innen, Regisseur*innen, Autor*innen und Narrative geprägt ist. People of Color hingegen sind vor, hinter und auf der Bühne heute immer noch wenig repräsentiert. Stattdessen wird sich rassistischen Praktiken wie Blackfacing bedient, um fehlende Schwarze Körper zu ersetzen. Erst vor wenigen Monaten wurde im Münchener Gärtnerplatztheater bei Peter Lunds Inszenierung von “Johnny spielt auf” erneut Blackfacing als vermeintliches theatrales Mittel eingesetzt. Zwar wurde argumentiert, dass das Blackfacing hier als rassistische Kulturpraxis reflektiert werden sollte, rassistisch bleibt es aber trotzdem. Denn es gibt andere Wege solche Praktiken zu kritisieren, ohne white supremacy zu reproduzieren.

Dieses Verhalten zeigt zum einen, welche Menschen in Theater oder anderen Kulturinstitutionen Entscheidungsträger*innen sind. Weiße Menschen auf Leitungsebene und Regie sind oft nicht sensibel für das Fehlen Schwarzer Menschen im Ensemble oder es mangelt an Bewusstsein für Machtstrukturen. Andererseits wird dadurch auch die unvollständige Aufarbeitung und Aufklärung von Rassismus in Deutschland sichtbar. Blackfacing (egal wie abstrakt gehalten) ist eine Referenz zu einer rassistisch geprägten Praktik, die Kolonialismus legitimiert und stabilisiert und noch dazu weißen Menschen jede Menge Profit eingebracht hat.

Können weiße Deutsche also wirklich weiterhin behaupten, Deutschland hätte mit Anti-Schwarzem-Rassismus nichts am Hut? In einem Land, in dem Blackfacing immer noch im Kölner Karneval zu sehen ist? In dem Menschen nur unter allergrößten Mühen von rassistischen Bezeichnungen für Süßigkeiten ablassen können? Mit Alice Hasters Buch mögen sich viele weiße Menschen auf den Schlips getreten fühlen. Klar, man gesteht sich selbst nur ungern ein, womöglich rassistische Vorstellungen oder Verhaltensweisen zu besitzen. Doch reicht dieses Umdenkenmüssen eigener Praktiken und Weltansichten keinesfalls an das jahrhundertelange Leid, die Diskriminierung und Benachteiligung Schwarzer Menschen heran. Es wäre ein erster Schritt, zu akzeptieren, dass jede*r von uns, egal woher, rassistisch sozialisiert ist. Das Wesentliche ist dabei, wie wir diesen Rassismus in uns selbst erkennen und verändern lernen.

Dass ein Interesse an einer kritischen Auseinandersetzung mit Rassismus besteht, zeigt das hauptsächlich weiße Publikum bei Hasters Lesung. Ihr Buch bietet die Chance, Rassismus in all seinen Facetten entlarven und verstehen zu lernen, von seiner Entstehungsgeschichte bis hin zum Erleben im Alltag. Es kann nicht darauf gewartet werden, dass deutsche Medien endlich die Dringlichkeit einer repräsentierten Diversität erkennen. Stattdessen sollten wir selbst lernen, rassismuskritisch zu denken,  antirassistisch zu handeln und so den Diskurs über Rassismus in Deutschland aktiv mitgestalten.

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