Bilder kolonialer Traumata

1904 ereignete sich eine Grausamkeit, von der in Deutschland viele nichts wissen: der Völkermord an den Herero und Nama durch die deutsche Kolonialmacht in Namibia. Nach der gewaltsamen Niederschlagung der einheimischen Aufstände gegen die deutsche Besatzung flohen etliche Herero und Nama in die Wüste. Dort angekommen wurden die Fliehenden von Wasserstellen vertrieben, sodass Tausende Menschen verdursteten. Auf Basis dieser Gräueltat stellt die Stückentwicklung „Klang des Regens“ von Miriam Ibrahim und Caren Jess Fragen nach kollektivem und transgenerationalem Trauma, nach der eigenen Geschichte und der einer gesamten Generation, nach Schweigen, Verdrängen und Erinnern. Foto: Jan Pieter Fuhr

Eine Kritik von Leonard Bürger.

Auf der Bühne zwei Frauen: Mina (Maya Alban-Zapata), die afrodeutsche Enkelin, und ihre weiße, bereits verstorbene Großmutter (Ute Fiedler). Von Beginn an zeichnet das Stück eine liebevolle Beziehung zwischen den beiden Figuren. Doch gleichzeitig ist die Beziehung auch von der Unfähigkeit zu kommunizieren geprägt: Schon als Kind stellt Mina Fragen, die von ihrer Großmutter lieber unbeantwortet bleiben. Fragen, die zwar Alltägliches behandeln, doch von Oma abgetan statt ausdiskutiert werden. Bevor Mina aber alt genug ist, die Fragen zu stellen, „die richtig weh tun“, die ihr unter den Nägeln brennen und sehnlich erwünschte Antworten geben, stirbt die Großmutter. Fortan besucht sie das Grab und tritt mit ihr in einen imaginären Dialog. Dieser mischt sich mit Erinnerungssequenzen, die die gemeinsame Familiengeschichte reflektieren und die Perspektive beider Figuren auf eine von Kolonialismus geprägte Gesellschaft sichtbar machen.

Wieso war Oma während der NS-Zeit nicht im Widerstand? Wie konnte sie sich den Nazi-Idealen so fügen? Mina, die die Angepasstheit und faule Resignation der Großmutter anprangert, erhält von ihr nur folgende Reaktion:„Es hilft ja alles nichts.“ Die Großmutter schweigt und weigert sich, zu erinnern, während Mina nach Klarheit über ihre Vergangenheit drängt. Um mehr über das Herkunftsland ihres Vater zu erfahren, reist Mina nach Namibia und sieht dort ein Land vor sich, das die Narben seiner kolonialen Vergangenheit trägt. Blickt sie auf die Uhr und es ist 19:04 Uhr oder 19:39 Uhr, sieht sie nichts anderes als Jahreszahlen, die von rassistischer Gewalt geprägte Ereignisse markieren. In Mina steckt der Schmerz ihrer Vorfahren, ein Trauma, das über Generationen weitergegeben wurde. Die Frustration keine Antworten zu bekommen kulminiert des Öfteren im Streit, auf den der titelgebende Regen folgt. Wenn der Dialog stagniert und keine Klarheit bringt, flieht Mina in die Bewegung. Sie tanzt wie besessen vom Schmerz und Trauma ihrer Vorfahren.

Die poetische Sprache von „Klang des Regens“ findet spannende Bilder: „Wo die Erde lehmig wird, wo Sand sich mit ihr mischt treffen sich meine Ahnen“, sagt Mina und spielt dabei auf ihre Herkunft an. Während die Sprache des Textes oft wunderschön klingt, bleibt gleichzeitig jedoch viel, vielleicht sogar zu viel, offen. Über die Figuren und ihre Geschichten erfährt man wenig, und wenn dann meist nur in rätsel- und bruchstückhaften Fragmenten und Bildern. Dass es eine Verbindung von Minas Familiengeschichte und dem Völkermord in Namibia gibt, ist klar. Ihr Urgroßvater war Kolonialherr, was in Mina ein Gefühl der Zerrissenheit hinterlässt: Die Vergangenheit ihrer Familie bewegt sich zwischen kolonialer Grausamkeiten und dem Leid der Herero und Nama.

Schmerz, Trauer und Wut der Figuren in "Klang des Regens" werden angedeutet, doch nie in der Tiefe verhandelt. Das hinterlässt das unbefriedigendes Gefühl, die Figuren und ihre Emotionen nicht richtig greifen zu können. So werden beispielsweise zwei Videos auf die von der Decke hängenden Wellblechstelen projiziert, in denen eine Person historische Briefe aus der Zeit des Genozids vorliest. Dabei bleibt unklar, inwiefern diese Briefe mit der Geschichte Minas und ihrer Großmutter zusammenhängen. Auch die auf der Bühne verteilten Sandhaufen und die musikalische Untermalung des Stückes deuten zwar augenscheinlich auf den Kontext Namibia hin, hinterlassen aber das Gefühl eines nicht ausgeschöpften Potenzials. Denn sie wirken, wie auch viele der verwendeten Bilder, unglaublich bedeutungstragend, scheinen aber eher nur die Atmosphäre des Stückes zu unterstützen.

Statt Wesentliches über Minas zerrissene Familiengeschichte väterlicherseits zu erfahren, bleibt vieles ein Rätsel. Ein Rätsel, das man irgendwann nicht mehr lösen will. Es entsteht eine Distanz zu dem Spiel auf der Bühne, die sich zu einer gewissen Gleichgültigkeit entwickelt. Die Erfahrungen und das Schicksal der Figuren berührt nicht mehr und das ist schade bei solch einem wichtigen Thema. Wenn Ute Fiedler als Großmutter plötzlich unkontrolliert schreit und wie ein Zombie zittert, wird zwar die Ohnmacht und Fremdbestimmtheit der Figur sichtbar, doch wirkt das alles eher befremdlich und lustig als ergreifend.

Das Zwei-Frauen Stück “Klang des Regens” untersucht Schuldgefühle und traumatische Erfahrungen von kolonialer Gewalt, die sich über mehrere Generationen fortsetzt. Es ist ein Stück, das den Blick auf einen wichtigen Diskurs unserer Gesellschaft lenkt: die fehlende Aufarbeitung unserer Kolonialgeschichte. Doch mangelt es den Figuren leider an Tiefe, sodass es unmöglich ist, in ihre  Erfahrungswelten einzutauchen. Trotz der Dringlichkeit des Themas lässt dieser Abend doch eine zentrale Frage unbeantwortet: Wie wollen wir mit unserer kolonialen Vergangenheit umgehen?

Produktion

Eine Produktion vom Staatstheater Augsburg

Konzept, Regie & Musik: Miriam Ibrahim
Text: Caren Jess
Bühne/Video: Nicole Marianna Wytyczak
Dramaturgie: Dr. Dr. Danielle G. Daude

Mit Maya Alban-Zapata, Ute Fiedler

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