Anatomie der Sehnsucht, der Peinlichkeit, der Freiheit

Unser*e Autor*in Janina Müller hat sich durch die Choreographie „Anatomie der Sehnsucht/Anatomie der Peinlichkeit“ von Marie Steiner und Alexandra Rauh inspirieren lassen und über die Hin- und Herbewegung menschlicher Freiheit ein Gedicht geschrieben. Nachzulesen und anzuhören hier. Foto: Simeon Johnke

von Janina Müller

Am Anfang ist der Kugelmensch,
eine große Einheit,
mit schnöder Allgemeinheit,
ein komisches Wesen,
als Vernunft und Natur gelesen,
immer da und nie da gewesen.

Irgendwann,
man weiß bis heute nicht warum,
weicht diese Einheit der Trägheit,
zähes, lähmendes Delirium.
Die Einheit entlarvt sich als Abhängigkeit
und da ist so viel Angst
getrennt zu sein.
Dann, langsam schreitend,
sieht man, dass da was anderes ist
und das Bisherige wird zum Schein,
die Sehnsucht nistet sich ein
sich voneinander zu lösen,
die Illusion als Illusion
zu entblößen,
den Körper zu entblößen,
loszulassen.

Die Nacktheit,
kaum zu fassen,
plötzlich ist alles nur…..wow.
Die Trennung ist wie eine Neugeburt.


Es stimmt sich ein die Neuentdeckung der Welten,
das eigene Ich wird zum Helden,
aber die Bewegungen sind unbeholfen,
zackig, kantig,
manchmal wirken sie wie Puppen,
einfach dahingeworfen,
ausgeliefert.
Die gewonnene Faszination wird zur Lächerlichkeit,
das Begehren paart sich mit Peinlichkeit,
verkrampftes Lächeln,
falsches Hecheln,
ein bisschen unangenehm.

Langsam schreitend taucht sie wieder auf
die Sehnsucht,
nach dem Anderen,
die Flucht,
vor dem was ist.
Die Kugelhälften umkreisen sich,
prallen aneinander
vorbei,
Mist es klappt einfach nicht.
Sie versuchen es immer wieder
und es sind immer die selben Lieder
der Tragödien.
Die rauschen jetzt im Durchschnelllauf
an dir vorbei
und wenn sie dann mal einander im Arme liegen,
sind sie eins und doch noch zwei,
es ist einerlei,
und bei Schmerz und Heiterkeit,
ist klar,
der Kugelmensch ist da und nimmer da.

Die ewige Suche
geht immer weiter und weiter,
wir steigen hinauf, die ewige Leiter
namens Existenz,
lesen Lenz, Hesse und Eichendorff
immer weiter hinauf
und werden sie nie erreichen
die kosmische Einheit,
verstanden als Absolutheit.

Denn hätten wir sie,
wäre da wieder die Trägheit,
die Abhängigkeit,
und man sieht, dass da auch was anderes ist,
und das Bisherige wird zum Schein,
die Sehnsucht nistet sich wieder ein,
der Mensch ist frei.

Hier gibts Janinas Gedicht zum Anhören

Aufgezeichnet wurde das Gedicht auf der Probebühne 2 des ETA Hoffmann Theaters.

Zur Produktion

Eine Produktion von Marie Steiner und Alexandra Rauh und der Tafelhalle Nürnberg

Choreografie: Marie Steiner, Alexandra Rauh
Bühne: Daina Kasperowitsch
Kostüme: Eva Eidinger
Dramaturgie: Manuela Neudegger
Licht: Sasa Batnozic
Musik-/Sounddesign: Mona Matbou Riahi, Wolfgang Eckert

Mit Charlotte Petersen, Lena Schattenberg

Mehr Infos hier

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